Lieber im Garten als bei den Harten – #110

In diesem Beitrag der Serie "Erfahrungen aus der Praxis" zeigt Gert Kowarowsky, wie dir die Technik des Perspektivwechsels helfen kann, mit kleinen und großen Herausforderungen umzugehen.

Lieber im Garten als bei den Harten – #110
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

Im Leben gibt es Momente, die uns auf die Probe stellen, die uns herausfordern und die manchmal auch schmerzhaft sind. Eine Zahnoperation oder eine wichtige Prüfung, die vor dir liegt, wären solche Ereignisse. Es ist eine Erfahrung, die viele von uns an unsere Grenzen bringt, aber auch eine, die wir durchstehen können.

Ostern, im humanistischen Sinn, erinnert uns daran, dass es Hoffnung gibt, dass schwierige Zeiten uns zu Wachstum und Erneuerung verhelfen können.

Vertraue auf Veränderungen

Vertraue darauf, dass du stark genug bist, um diese Herausforderungen zu meistern. In deinem Leben hast du schon viel überstanden. In deiner Biographie findest du viele Ereignisse, die deine Stärke beweisen. Nutze deshalb schwierige Situationen immer wieder für dich auch als Zeit der Erneuerung und des Wachstums. Überlege dir in belastenden Situationen, was du loslassen und verabschieden kannst und was du noch intensiver anstreben möchtest. Lass Herausforderungen für dich fruchtbar sein, so wie der Frühling nach dem Winter.

So kann die Technik des Perspektivwechsels in Zeiten der Herausforderung helfen

Im Improvisationstheater gilt die Regel: Annehmen und transformieren. Annehmen und verändern. Annehmen, was auch immer auf dich zukommt. Setze durch radikale Akzeptanz deine Kreativität frei, um gestärkt aus Zeiten der Herausforderung und des Schmerzes hervorgehen zu können.

Lass uns gemeinsam schauen, welche Strategien dafür noch zusätzlich hilfreich sind:

Christine hatte schon früh von ihren Freundinnen gehört: „Wenn du dich nicht unterkriegen lassen willst, musst du eine Harte werden …“. Dies wurde ihr Leitspruch. Nur keine Gefühle zulassen. Keine Schwäche zeigen. Alles unterdrücken, was irgendwie zeigen könnte, dass ihr eine Situation gerade zu viel war. Leider war dieser Glaubenssatz für sie nicht sehr hilfreich gewesen, in Krisenzeiten wirklich zu wachsen.

Das Erste, was sie in ihrer Psychotherapie lernte, war deshalb: „Erlaube dir, deine Gefühle anzunehmen!“ Sie ließ sich darauf ein, obwohl sie zunächst davon überzeugt war, dass ihr das keineswegs helfen würde, mit schwierigen Situationen besser umzugehen.

Christine lernte zu akzeptieren, dass Sorgen, Ängste und Unsicherheiten normal sind, besonders in schwierigen Zeiten. Indem sie diese unangenehmen Gefühle bewusst wahrnahm und aushielt, entwickelte sich in ihr gleichzeitig eine größere Gelassenheit und Wahrnehmungsfähigkeit für die Farbenvielfalt des Lebens. Sie sagte: „Seitdem ich aufgegeben habe, nur eine „Harte“ sein zu wollen, fühle ich mich wieder wie angekommen im Garten des Lebens. Es sind soviel mehr Farben, Düfte und Stille-Felder in mir. Nein, ich will nicht mehr bei den grauen Harten sein – ich will im bunten Garten sein!“

Um aus Belastungssituationen Wachstumssituationen entstehen zu lassen, half ihr ebenfalls die Erkenntnis, dass ein Wechsel der Perspektive immer möglich ist.
Aus einer Belastungssituation eine Wachstumssituation zu schaffen, indem ein Perspektivwechsel vorgenommen wird, war im Rahmen unserer Therapiesitzungen schwierig. Ein Erlebnis in ihrem Schottlandurlaub half ihr jedoch zu erfahren, wie hilfreich die Technik des Perspektivwechsels ist:

Ein scharfer Felssplitter am Rand einer engen Straße in den Highlands hatte den Reifen ihres Mietwagens aufgeschlitzt. Ein Ersatzreifen war nicht an Bord. Der Pannendienst, der sie zu einer Werkstatt bringen würde, konnte jedoch erst in zwei Stunden an ihrem entlegenen Standort sein. Eine nette ältere Dame hielt an, um ihr Hilfe zu leisten. Sie hatte zwar einen Ersatzreifen für ihr eigenes Auto dabei, der aber leider unpassend für den Mietwagen war. Alles, was sie tun konnte, war, Christine aufzumuntern mit einer kleinen Flasche Wasser, ein paar schottischen Keksen und den Abschiedsworten: „Once you will have a new tire – this will be a good story ...“. Und so war es! Nach diesen Worten, die ihr eine neue Sichtweise eröffneten, nutzte Christine die verbleibende Wartezeit, um die Landschaft bewusst wahrzunehmen und den ungeplanten Stopp zu würdigen als geschenkte Extrazeit, um die Highland-Atmosphäre in sich aufzunehmen. Nachdem der Pannendienst sie zu einer kleinen Werkstatt gebracht hatte, wo sie einen passenden Ersatzreifen auf Lager und in wenigen Minuten aufgezogen hatten, konnte sie ihre Urlaubsfahrt fortsetzen.

Genau wie die nette Dame vorhergesagt hatte, war dieses Highland-Abenteuer eine ihrer guten Geschichten, die sie ihren Freundinnen und Freunden aus Schottland mitbrachte. Es war eine bereichernde Erfahrung, aus einem schmerzlichen „Nein, nein, nein!“ zu einer wohltuenden Akzeptanz gekommen zu sein und dadurch zu einer vertieften Erfahrung des schottischen Hochlands – einfach durch diese wenigen perspektiv-erweiternden Worte: „Wenn Sie erst einmal wieder einen neuen Reifen haben, wird das Ganze eine gute Geschichte sein.“ In ihrem Freundeskreis ist es seitdem zu einem geflügelten Wort geworden, wenn wieder einmal jemand in eine missliche Lage kommt: „Once you will have a new tire – this will be a good story …“
Ja, es hilft tatsächlich, wenn du in schwierigen Zeiten immer wieder einen Perspektivwechsel vornimmst und dir Fragen stellst wie:

  • Was würde ich jetzt einer guten Freundin, einem guten Freund raten, wenn sie oder er jetzt in genau der gleichen unguten Situation wäre wie ich selbst?
  • Wie würde eine Person denken und handeln, die die Situation souverän meistern würde?
  • Oder eben auch: Wie werde ich in einer Woche, einem Monat, einem Jahr, am Ende meines Lebens auf diese Situation schauen?

Verliere nicht den Mut

Neben der Technik des Perspektivenwechsels war für Christine zusätzlich noch folgendes hilfreich: Um den Mut nicht zu verlieren, um das „Ja, ich kann!“ auch und vor allem in herausfordernden Situationen noch stärker in sich zu spüren, achtete sie konsequent auf ihre Selbstfürsorge. Sie verinnerlichte für sich die Formel: „Was dir guttut, tut dir gut.“ Und sie achtete darauf, es auch wirklich, wirklich zu tun: Sie nahm sich jeden Tag 20 Minuten Zeit für Meditation, ging zweimal die Woche zum Sport und einmal in der Woche zum Waldbaden. Sie tut, was ihr guttut: Freund:innen treffen, Stille genießen, das Miteinandersein genießen und, und, und. Kurzum – sie tut ganz bewusst viel von dem, was ihr guttut.

Zu wissen, dass du nicht allein bist und dass du die Fähigkeit zur Erneuerung in dir trägst, ist nicht nur an Ostern, sondern auch in schwierigen Zeiten die wichtigste Quelle, zu wachsen und deine innere Stärke erblühen zu lassen.

Viel Spaß im Garten anstatt bei den Harten wünscht dir

Dein

Gert Kowarowsky

Erfahrungen aus der Praxis …

… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.

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