Emotional unreife Eltern: Seelische Verletzungen aus der Kindheit überwinden

Wenn Eltern ihren Aufgaben nicht gewachsen waren, entstehen oft seelische Belastungen bis ins Erwachsenenalter. Der Beitrag zeigt, wie du dich aktiv mit deinen Eltern auseinandersetzen und Verletzungen loslassen kannst.

Emotional unreife Eltern: Seelische Verletzungen aus der Kindheit überwinden
© Getty Images, unsplash.com

Das Elternsein ist verbunden mit einer besonderen Verantwortung für die kleinen Geschöpfe, die ihren Platz in der Welt erst finden müssen und Orientierung und Schutz suchen. Wie lange und tief uns die Erziehung und Werte unserer Eltern prägen, wird uns daher oft erst bewusst, wenn wir selbst Kinder haben.

Emotional unreife Eltern können ihren Kindern nachhaltig seelische Verletzungen zufügen, die ein ganzes Leben lang schmerzen. Und dennoch liegt es vor allem in der Hand der Kinder, sich als Erwachsene davon bewusst zu befreien, um ihr eigenes Elternsein nicht zu belasten und einen Umgang mit ihren Eltern zu finden, der beiden Seiten Zufriedenheit schenkt.

Auch unsere Eltern waren geprägt von der Erziehung ihrer Eltern

Wir alle wünschten uns, eine glückliche Kindheit erlebt zu haben, doch nur die wenigsten Erwachsenen bewerten rückblickend ihre Kinderjahre als erfüllt. Woran liegt das? 

Viele, die in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Eltern wurden, unterlagen selbst noch strengen und althergebrachten gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen. Man machte etwas, weil man es eben immer schon so gemacht hat, und Widerspruch war verboten! Diese regelbezogene Denkweise wirkte sich besonders auf den Bereich Familie und Erziehung aus. Kinder hatten das zu tun, was die Eltern oder das Umfeld von ihnen erwarteten. Von der Wahl der Schule, der Hobbys oder Freunde bis hin zu ordentlichen Manieren und Benehmen. Die Gegenbewegung wählte für sich und ihre Kinder alternative Lebens- und Erziehungsmodelle. 

Zwei unterschiedliche Lebensweisen, denen jedoch eines gemein war: Viele der Eltern waren damals innerlich nicht bereit für die Aufgabe und die Verantwortung des Elternseins und machten sich das nicht bewusst. So waren sie nicht bereit, sich mit ihren eigenen Bedürfnissen als Eltern und denen ihrer Kinder auseinanderzusetzen. Oder sie waren schlichtweg mit der Erziehung und Organisation der Kinder überfordert.

Mangelndes Einfühlungsvermögen, Gleichgültigkeit, Überforderung verhindern eine tiefe Bindung

Sie drehten sich um sich selbst und schafften es nicht, ihren Kindern Einfühlungsvermögen entgegenzubringen oder tiefe emotionale Bindungen aufzubauen. Sie verhielten sich impulsiv oder launenhaft, waren gleichgültig oder zogen sich ganz aus der Verantwortung zurück. Schlimmstenfalls gaben sie dem Kind zu verstehen, es sei aus den einen oder anderen Gründen unerwünscht.

Die negativen Auswirkungen auf die Kinder solcher emotional unreifen Eltern sind bis ins Erwachsenenleben spürbar. Ihre seelischen Wunden bleiben oft ein Leben lang, wenn die Bedürfnisse nach Nähe, Unterstützung und Liebe nicht erfüllt wurden. Dann fehlt ihnen oftmals die Fähigkeit, diese wichtigen emotionalen Ressourcen an ihre Kinder oder andere Menschen in ihrem Umfeld weiterzugeben. Denn sie wissen einfach nicht, wie sich das anfühlt.

Wie können wir selbst gute Eltern sein – obwohl unsere eigene Kindheit belastend war?

Auch wenn heute das Elternsein und die Kindererziehung in vielen westlichen Kulturen sehr viel bewusster angegangen wird als zur Zeit unserer Eltern, kennen wir alle das Gefühl der Überforderung vom Tag der Geburt an. Trotz Vorbereitung werden alle Eltern ins kalte Wasser geworfen, und niemand ist immer perfekt. Umso wichtiger ist es, dass wir uns immer wieder aufs Neue aktiv mit unserer Rolle als Eltern auseinandersetzen und mit der Rolle, die das Elternsein in unserem Leben spielt. Erfüllt uns das Elternsein? Erleben wir innere Konflikte zwischen den Aufgaben in der Familie und Erziehung und denen im Job oder im Freundeskreis? Wünschen wir uns manchmal die Zeit zurück, als wir noch keine Kinder hatten und frei von ständigen Verpflichtungen und der Verantwortung waren? Eine aufrichtige Auseinandersetzung mit sich selbst, der Partnerin oder dem Partner und auch den Kindern ist ein guter Weg, sein Elternsein ganzheitlich zu betrachten und zu bewerten. Und das gibt uns auch die Chance, unseren Kurs zu korrigieren, uns selbst neu zu definieren und daran zu reifen.

Was aber geschieht, wenn wir selbst Kinder von unreifen Eltern waren? Das Kind emotional unreifer Eltern zu sein, kann tiefe Spuren hinterlassen, weil diese Kinder wegen der elterlichen Inkompetenz und der vernachlässigten Bindung zu früh selbst die Verantwortung eines Erwachsenen übernehmen mussten. So verloren sie einen wichtigen Teil ihrer Kindheit. Wie können wir die negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit überwinden, wie können wir verhindern, diese Defizite an unsere eigenen Kinder weiterzugeben, und wie können wir einen guten Umgang mit unseren Eltern finden?

Auch hier liegt der beste Weg in der bewussten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der gegenwärtigen Lebenssituation – bei sich selbst und mit den Eltern. Dieser Prozess ist emotional nicht leicht, denn du kämpfst ein zweites Mal um deine Kindheit. Hol dir deshalb Hilfe von Menschen, denen du vertraust oder auch von professionellen Therapeutinnen oder Therapeuten. In jedem Fall lohnt es sich, danach zu streben, dass die emotionale Unreife deiner Eltern dich nicht daran hindert, die Lebensfreude in der Gegenwart und Zukunft zu genießen.

3 Schritte, um dich mit emotional unreifen Eltern auseinanderzusetzen

Schritt 1: Prüfe sorgfältig, ob deine Eltern sich dir gegenüber wirklich emotional unreif verhalten haben

Um dein Verhältnis zu deinen Eltern aufzuarbeiten, solltest du gewiss sein, wie sie sich dir gegenüber verhalten haben. Forsche daher zunächst nach offensichtlichen Anzeichen wie Egozentrik und Selbstverliebtheit. Folgende Fragen können dir dabei Orientierung geben: 

Haben sich deine Eltern für dich und deine Themen und Gedanken interessiert (nicht nur für Noten oder Leistungen), bevor sie das Gespräch wieder auf ihre Themen gelenkt haben? 
Wollten deine Eltern in Gesprächen auch wissen, was deine Sicht der Dinge ist? 
War in Meinungsverschiedenheiten nur ihr Standpunkt der richtige oder konnten sie dir auch mal recht geben? 
Haben sie sich je bei dir entschuldigt
Konnten sie auch über sich lachen? 
Wussten sie immer alles besser? 
Haben sie immer nur mit dir gespielt oder waren sie auch da, wenn es darum ging, dich bei Problemen oder in Krisen zu unterstützen? 
Beantworte jede dieser Fragen nur für dich mit einem "eher ja/eher nein" und suche in deiner Erinnerung nach konkreten Beispielen dafür. So kannst du deine Annahmen bestmöglich bestätigen, denn die Wahrheit wirst du in der Vergangenheit nicht mehr finden.

Schritt 2: Fühle in dich hinein und überlege, welche Verhaltensweisen deiner Eltern dich getroffen und bis heute begleitet haben

Wie geht es dir damit? Welche Verhaltensweisen erkennst du bei dir selbst? Was kann dir dabei helfen, sie zu überwinden? Was kannst du bewusst für dich ändern, damit du von dem in der Vergangenheit Erlebten nicht mehr beeinflusst wirst? Ein Gespräch mit einer Freundin oder einem Freund, deiner Partnerin oder deinem Partner oder einem Familienmitglied kann dir Unterstützung und wertvolle Hinweise geben. 

Schritt 3: Sprich deine Eltern auf deine Wahrnehmung von ihrer Erziehung und ihrem Verhalten dir gegenüber an

Schließlich geht es um die Auseinandersetzung mit deinen Eltern. Wenn deine Eltern physisch und psychisch noch in einer stabilen Verfassung sind, dann überlege dir, ob du ihnen von deinen Beobachtungen und Gedanken erzählen willst. Sollte dieses Gespräch stattfinden, dann ist es wichtig, dass du immer bei dir bleibst, anstatt Anschuldigungen und Erwartungen zu formulieren. Denk daran, du tust das in erster Linie für dich. Wie deine Eltern darauf reagieren, ist ihre Sache. Wenn sie deine Initiative positiv aufnehmen und sich für ein Gespräch öffnen, dann freue dich darüber. Wenn nicht, dann freue dich darüber, dass du einen Weg begonnen hast, mit deinen Verletzungen umzugehen. Und solltest du dich nicht trauen, deine Eltern direkt auf ihre emotionale Unreife anzusprechen, dann schreibe ihnen einen Brief. Ob du ihn abschickst, entscheidest du. Wichtig ist allein, dass du deinen Bedürfnissen endlich Ausdruck verliehen hast. Du kannst in jedem Fall stolz auf dich sein.
 

Wie hilfreich war der Beitrag für dich?
5 Sterne (2 Leserurteile)

"Nur noch fünf Minuten!" – diesen Satz hören Eltern oft, wenn sie versuchen, ihr Kind am Abend von Computer, Smartphone oder Konsole loszubekommen. Woran lässt sich erkennen, wann das Computerspielen zur Sucht wird? Dieser Beitrag klärt auf und gibt praktische Hilfestellungen, dazu Tests und Beratungsvideos.

Schiebst du Aufgaben und Pflichten zu lange vor dir her? Dieser Beitrag zeigt psychologsiche Strategien zum Selbstcoaching und gibt konkrete Tipps für den Umgang mit Prokrastination und Aufschieberitis.

Wie zufrieden bist du mit dir? Wärst du gerne ein anderer Mensch oder bist du rundum glücklich so, wie du bist? In diesem Zufriedenheitstest erhältst du erste Antworten.

Passend zum Thema
Dein Kommentar/Erfahrungsbericht

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht, dann berichte davon und hilf so auch anderen auf dem Weg in ein zufriedenes Leben. Bitte beachte dabei unsere PAL- Nettiquette, die sich an der allgemeinen Internet-Nettiquette orientiert: Alle Inhalte, auch Kommentare und Beiträge von Leserinnen und Lesern, sollten in respektvollem und wertschätzendem Ton verfasst sein und dem Zweck dienen, andere weiterzubringen. Wir lehnen es ab, dass Menschen vorsätzlich verbal verletzt sowie Falschaussagen oder versteckte Werbungen verbreitet werden. Deshalb werden wir dahingehende Beiträge streichen.

Bitte die zwei gleichen Bilder auswählen:

Captcha 1
Captcha 1 Overlay
Captcha 2
Captcha 2 Overlay
Captcha 3
Captcha 3 Overlay
Captcha 4
Captcha 4 Overlay
Newsletter: Vitamine für die Seele

Lust auf mehr positive Impulse und Inspirationen in Beiträgen, Podcasts, Videos? Dann bestelle unseren kostenlosen redaktionellen PAL-Newsletter.

  
Inhalt des Beitrags 
 Auch unsere Eltern waren geprägt von der Erziehung ihrer Eltern  
 Mangelndes Einfühlungsvermögen, Gleichgültigkeit, Überforderung verhindern eine tiefe Bindung  
 Wie können wir selbst gute Eltern sein – obwohl unsere eigene Kindheit belastend war?  
 3 Schritte, um dich mit emotional unreifen Eltern auseinanderzusetzen  
Weitere Beiträge
 Persönlichkeitstest Zufriedenheit: Bin ich zufrieden?
 "Nur noch fünf Minuten!" – Wann beginnt Computerspielen zur Sucht zu werden?
 11 Tipps, wie du das Aufschieben (Prokrastination) in den Griff bekommst
Immer auf dem neusten Stand - 
Der PAL-Newsletter