Frieden schließen mit den Eltern – sich aussöhnen

Meiden Sie den Kontakt zu den Eltern weil Sie diesen nicht verzeihen können? Dann kann es wichtig sein, mit Ihren Eltern Frieden zu schließen und sich auszusöhnen.

Frieden schließen mit den Eltern – sich aussöhnen
© Chokniti, Adobe Stock

Zwischen Eltern und Kindern kann es in der Jugend zu vielen Konflikten kommen, die es später den erwachsenen Kindern schwermachen, sich mit den Eltern auszusöhnen. Wie Mutter oder Vater verzeihen und vergeben? Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihren Eltern? Sind Sie gerne mit diesen zusammen oder halten Sie Abstand? Haben Sie den Kontakt zu Ihren Eltern völlig abgebrochen?

Viele erwachsene Kinder haben ein gestörtes Verhältnis zu den Eltern, weil sie vielleicht viele seelische Verletzungen in der Kindheit haben hinnehmen müssen oder weil die Eltern sie immer noch bevormunden oder durch Schuldgefühle Druck machen.

Andererseits sind Eltern die wichtigsten Bezugspersonen in unserem Leben und in der Regel haben wir ihnen viel zu verdanken. Mit ihnen Frieden zu schließen und sich mit ihnen auszusöhnen kann nicht nur für unsere Beziehung zu ihnen wichtig sein, sondern auch für unser Seelenheil und Zusammenleben mit anderen Menschen.

Wie sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern im Laufe des Lebens verändert

Auf dem Weg von unserer Kindheit zum erwachsenen Menschen durchlaufen wir gewöhnlich drei Phasen.

I. Phase
Wenn wir klein sind, sind die Eltern für uns alles. Sie wissen alles, können alles und wir bewundern sie maßlos. Wir ahmen sie nach und verteidigen sie anderen gegenüber. Mit zunehmender Reife holen wir unsere Eltern dann langsam vom Podest. Wir entdecken, dass sie nicht alles wissen, Fehler machen und uns manchmal auch etwas vormachen.

II. Phase
In der Pubertät sind die Eltern für uns schließlich die letzten Versager, unsere Feinde, die uns nur Schlechtes wollen. Wir können kein Quäntchen Positives an ihnen erkennen und glauben, alles besser zu wissen.

III. Phase
Als Erwachsene gelangen wir schließlich, wenn es ideal läuft, an den Punkt, an dem wir

  • unsere Eltern sehen, wie sie sind.
  • sowohl ihre Stärken als auch Schwächen kennen.
  • verstehen, weshalb sie so sind und sich uns gegenüber so verhalten (haben).
  • ihnen ihre Fehler verzeihen und sie als Menschen ansehen, die wie alle Menschen ihre Fehler und Schwächen haben.

Wir gelangen zu einer gleichberechtigten Beziehung, in der keiner den anderen grundsätzlich schlecht machen, verurteilen oder bevormunden muss, in der keiner den anderen für sein körperliches und seelisches Überleben benötigt.

Manchmal folgt auch noch eine IV. Phase, in der wir bei unseren Eltern die Rolle eines Elternteiles übernehmen, wenn die Eltern z. B. pflegebedürftig werden. Der Weg bis hin zur III. Phase ist manchmal sehr dornig und schwierig. Manche Menschen verharren ihr Leben lang in der II. Phase. Sie machen ihren Eltern Vorwürfe, dass diese in der Erziehung alles falsch gemacht haben und deshalb ihr Leben nun verpfuscht ist. Andere verharren in der I. Phase und schaffen es nicht, nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben. Sie erfüllen z. B. die Berufswünsche ihrer Eltern oder leben nach deren Wertvorstellungen und Vorgaben.

Andere verharren in der II. Phase. Sie machen ihren Eltern Vorwürfe, dass diese in der Erziehung alles falsch gemacht haben und deshalb ihr Leben nun verpfuscht ist. Insbesondere wenn sie in ihrer Kindheit eine oder mehrere traumatische Erfahrungen gemacht haben, körperlich oder seelisch von ihren Eltern misshandelt oder missbraucht wurden, sehen manche keinen Weg, sich auf ihre Eltern zu zu bewegen und sie zu akzeptieren, wie sie sind. Wer zur III. Phase gelangen möchte, muss sich mit seinen Eltern auseinandersetzen und mit ihnen Frieden schließen: Er muss

  • überprüfen, ob das, was er von der Kindheit in Erinnerung hat, richtig von ihm wahrgenommen und bewertet wurde.
  • die damalige Sichtweise der Eltern kennenlernen.
  • Gefühle wie Ärger und Enttäuschung ausdrücken.
  • die Regeln der Eltern überprüfen und eigene Regeln entwickeln.

Warum ist es wichtig, mit den Eltern zu sprechen?

Das Gespräch mit den Eltern ist sehr wichtig, um die Wurzeln vieler unserer Verhaltensweisen und Gefühlsreaktionen zu verstehen. Viele Verhaltensweisen und Einstellungen haben wir uns von den Eltern abgeschaut. Viele Verhaltensweisen und Einstellungen haben wir aus einer Protesthaltung den Eltern gegenüber heraus entwickelt.

Vieles haben wir aus Angst vor Ablehnung gegen unseren Willen gemacht. Vieles haben wir aus Angst vor Schuldgefühlen und einem schlechten Gewissen gegen unseren Willen gemacht. Also sowohl Anpassung als auch Rebellion können ein Zeichen von Unfreiheit sein. Erst wenn wir die III. Phase erreicht haben, können wir frei entscheiden, ein Gefühl der Liebe entwickeln, sie gerne besuchen oder gar liebevoll pflegen.

Warum ist es oft schwer, mit den Eltern zu reden?

Wenn wir uns mit unseren Eltern unterhalten wollen, so können sowohl von unserer Seite, als auch der Seite der Eltern Fehler passieren.

Wir können folgendes ungeeignetes Verhalten zeigen:

  • Wir greifen unsere Eltern an und wollen sie kleinmachen.
  • Wir erwarten von unseren Eltern ein Schuldeingeständnis, wenn wir sie auf ihre Fehler ansprechen.
  • Wir führen unser Gespräch nicht als Erwachsene sondern rutschen in die Rolle des Kindes ab. Beispielsweise werden wir trotzig, beginnen zu schmollen oder reagieren mit Protest, oder geben nach und machen uns klein.
  • Wir erwarten von unseren Eltern, dass sie sich völlig anders verhalten, wie in der Vergangenheit. Wir erwarten beispielsweise, dass sie uns loben, Liebe zeigen und stolz auf uns sind. Dies ist jedoch unrealistisch, denn dazu müssten sie sich grundsätzlich ändern.

Nach dem Psychotherapeuten Bloomfield sind bei einem Gespräch mit einem Elternteil immer vier Personen anwesend: 1. unsere Vorstellung der Eltern davon, wie sie sein sollten; 2. wie die Eltern tatsächlich sind; 3. die Vorstellung der Eltern davon, wie wir sein sollten; 4. wie wir tatsächlich sind.

Unsere Eltern könnten ungeeignetes Verhalten zeigen:

  • Unsere Eltern fühlen sich angegriffen, obwohl wir sie nicht angreifen wollen. Die Folge ist, dass sie sich rechtfertigen, verteidigen, uns Vorwürfe machen. Eine andere Möglichkeit ist, dass sie sich übertriebene Schuldgefühle machen und einreden, alles verkehrt gemacht zu haben.
  • Unsere Eltern beharren auf ihrem Standpunkt, hören uns nicht zu, bemühen sich nicht, unsere Sichtweise nachzuvollziehen und uns zu verstehen.
  • Unsere Eltern verweigern aus Angst vor Vorwürfen ein Gespräch.

Was passiert, wenn wir keinen Frieden mit den Eltern schließen?

Wenn wir den Eltern nicht vergeben, dann werden wir

  • in unserer Partnerschaft ähnliche Verhaltensmuster wie die den Eltern gegenüber zeigen. Wir sind z. B. brav und angepasst, aber rebellieren innerlich; oder wir lehnen uns selbst ab, weil wir uns von den Eltern abgelehnt fühlten; oder wir trauen uns nichts zu, weil die Eltern uns für Versager hielten; oder wir fühlen uns bevormundet, kritisiert und ausgeliefert, weil wir dies auch von unseren Eltern erlebten; oder aber wir misstrauen anderen, weil wir unseren Eltern nicht vertrauen können, oder aber wir rasten aus und schlagen den Partner, weil wir von unseren Eltern geschlagen wurden.
  • Partner attraktiv finden, die den Eltern ähnlich sind, oder nach Menschen Ausschau halten, die vollkommen anders sind.
  • möglicherweise aus Angst vor schlechten Erfahrungen überhaupt keine Partnerschaft eingehen.
  • uns unseren Kindern gegenüber ähnlich wie die Eltern verhalten oder uns bemühen, genau das Gegenteil davon zu tun.
  • nicht tun, was wir tun möchten, aus Angst, abgelehnt zu werden, oder tun aus Protest genau das Gegenteil, auch wenn wir uns damit schaden.
  • uns nicht akzeptieren können, weil wir uns von unseren Eltern nicht akzeptiert fühlen.
  • uns schwer tun, uns Fehler zu verzeihen.
  • uns schwer tun, mit Autoritätspersonen umzugehen.
  • perfektionistische Forderungen an uns stellen oder in eine Sucht abgleiten.
  • uns für unsere Eltern schämen.
  • den Eltern die Schuld an unserem verkorksten Leben und unseren schmerzvollen Gefühlen geben.
  • uns Vorwürfe machen, wenn sie gestorben sind und es zu spät für ein aussöhnendes Gespräch ist.

All das muss nicht unbedingt passieren, aber die Chancen dafür sind groß. Auch wenn Ihre Eltern gestorben sind, können Sie noch Frieden mit ihnen schließen und ihnen vergeben. In Ihrem Innern leben Ihre Eltern noch und haben noch Einfluss auf Ihre Gefühle und Ihr Verhalten.

Wichtig zu wissen:

  • Wenn wir Frieden mit unseren Eltern schließen, bedeutet das nicht, dass wir gutheißen, was sie uns „angetan haben“ und ihnen quasi einen Freifahrtschein ausstellen.
  • Frieden schließen tun wir um unseretwegen, nicht der Eltern wegen. Wir wollen uns von einer schweren seelischen Last befreien und nicht auch heute noch damit bestrafen, dass wir uns nur mit unserer schlechten Kindheit beschäftigen und unsere Eltern hassen.
  • Mit der Vergangenheit Frieden schließen muss nicht unbedingt bedeuten, dass wir unseren Eltern verzeihen. Es kann auch bedeuten, dass wir die Vergangenheit so akzeptieren, wie sie für uns war, und sie ruhen lassen.
  • Es kann bedeuten, dass wir den Eltern keine Vorwürfe mehr machen, sondern akzeptieren, dass unsere Eltern sich nicht wie gute Eltern verhalten haben und uns nicht das gegeben haben, was für uns als Kinder förderlich und zur gesunden Entwicklung erforderlich gewesen wäre. Es kann bedeuten, dass wir akzeptieren, dass unsere Eltern sich aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte oder eigener seelischer Probleme nicht anders verhalten konnten.
  • Frieden schließen bedeutet nicht unbedingt, dass wir wieder Kontakt zu unseren Eltern aufnehmen und uns mit ihnen aussprechen müssen. Dieser Prozess kann ganz allein in unserem Innern erfolgen.
  • Frieden schließen heißt auch nicht unbedingt, dass wir hierzu ein Schuldeingeständnis unserer Eltern benötigen.

Wie gelingt es, mit den Eltern Frieden zu schließen, sich auszusöhnen und den Eltern zu verzeihen?

Die meisten von uns haben in der Kindheit nicht nur positive Erfahrungen mit ihren Eltern gemacht. Es liegt in der Natur der Erziehung, dass Eltern uns manche unserer kindlichen Bedürfnisse nicht erfüllen und wir infolgedessen enttäuscht sind. Manche Verhaltensweise unserer Eltern  können wir aus unserer kindlichen Sicht auch nicht oder nur falsch verstehen.

Und so ist es sinnvoll, aus der Erwachsenensicht unsere gesammelten Erfahrungen nochmals anzuschauen und zu prüfen, ob wir sie noch genauso wie als Kind bewerten. Die folgenden Tipps können Ihnen Anregungen geben, wie Sie Wut, Enttäuschung und Kränkungsgefühle, die Sie Ihren Eltern gegenüber empfinden, abbauen können.

Wenn Sie schwere seelische und/oder körperliche Verletzungen in der Kindheit erlebt haben und diese Ihr gesamtes heutiges Leben überschatten, sind Sie vielleicht zu dem Schluss gekommen, das Verhalten Ihrer Eltern niemals akzeptieren oder verzeihen zu können. Dann könnte es bereits ein großer Schritt für Sie sein, zu akzeptieren, dass Sie genau diese Menschen, die Ihre Erzeuger sind, als Eltern hatten - unabhängig davon, ob Sie in der Lage waren oder sind, Ihnen das zu geben, was Sie benötigt haben oder benötigen.

TIPP 1:  Nehmen Sie die Kindheit Ihrer Eltern unter die Lupe.
In der Kindheit Ihrer Eltern finden Sie höchstwahrscheinlich die Antwort auf Ihre Frage, warum Ihre Eltern sich Ihnen gegenüber so lieblos, gleichgültig oder verletzend verhalten haben. Wurden Ihre Eltern nicht von ihren Eltern geliebt, so taten sie sich ebenfalls schwer tun, Liebe zu geben. Wurden Sie durch Verbote, häufige Kritik, Liebesentzug oder Schläge erzogen, so sind die Chancen groß, dass sie diese Erziehungsstrategien auch bei Ihnen eingesetzt haben. 

Erlebten Ihre Eltern in der eigenen Kindheit emotionale Erpressung durch Schuldgefühle, so reagierten sie wahrscheinlich Ihnen gegenüber sehr empfindlich auf Vorwürfe und große Nähe. Diese Zusammenhänge können zwar das Leid nicht wiedergutmachen, was Ihnen als Kind widerfahren ist. Doch hilft Ihnen dieses Wissen, das Verhalten Ihrer Eltern zu verstehen. Die Eltern sind selbst "Opfer" ihrer Eltern.

TIPP 2: Betrachten Sie Ihre Eltern als Menschen und nicht als Eltern.
Ihre Eltern wurden nicht als Eltern geboren sondern als ganz normale Menschen. Ihre Eltern haben keine Schule besucht, in der Sie lernen konnten, wie gute Eltern sich verhalten. Sie waren wahrscheinlich nicht bei einem Psychotherapeuten, um ihre eigenen Probleme zu bearbeiten, bevor sie sich für Sie entschieden haben. Und vielleicht haben Sie sich zum Zeitpunkt Ihrer Geburt sogar gar kein Kind gewünscht.

Um aber ein Kind zu lieben und mit Geduld und Zuwendung großziehen zu können, hätten Ihre Eltern die dazu notwendige Persönlichkeit, die Reife und das Wissen parat haben müssen. Auch wenn sie Ihnen mit ihrem Verhalten geschadet haben, haben sie sich nicht anders verhalten können, als sie es getan haben.

TIPP 3: Schreiben Sie Ihren Eltern einen Brief.
Wenn Sie großen Zorn und Verbitterung Ihren Eltern gegenüber empfinden, kann es Ihnen gut tun, Ihre Gedanken und Gefühle in einem Brief auszudrücken. Schreiben Sie sich alle Vorwürfe von der Seele – genau in den Worten, wie Sie ihnen gerade einfallen. Führen Sie die schmerzlichsten Situationen auf, in denen Sie sich als Kind allein gelassen, ungerecht behandelt, vernachlässigt, missachtet, gefühlt haben. Sie können sich hierfür mehrere Tage Zeit lassen.

Wenn Sie Eindruck haben, jetzt sei alles gesagt, dann schließen Sie den Brief mit dem Satz: „Ich bin bereit, zu akzeptieren, dass ihr euch in meiner Kindheit in dieser Form mir gegenüber verhalten habt. Das war alles, was ihr mir geben konntet.“ Dann verbrennen Sie diesen Brief feierlich oder zerreißen sie ihn und werfen ihn in kleinen Stücken in einen Bach. Stellen Sie sich dabei vor, wie eine schwere Last von Ihnen abfällt und Sie nun innerlich frei sind.

TIPP 4: Prüfen Sie Ihre Erwartungen, die Sie als Kind an Ihre Eltern hatten.
Als Kinder sind wir alle Egoisten, die von unseren Eltern erwarten, dass sie uns bedingungslos lieben, immer für uns da sind, uns jeden unserer Wünsche erfüllen, uns fair behandeln, uns auf sie verlassen können usw. Über Erfahrungen lernen wir dann im Laufe der Zeit, dass

  • nicht alle unsere Wünsche erfüllt werden,
  • andere Menschen uns nicht immer lieben, auch wenn wir uns bemühen, besonders lieb zu sein.
  • andere Menschen uns enttäuschen.
  • andere Menschen uns manchmal grundlos schlecht oder ungerecht behandeln.
  • wir nicht immer die Nummer 1 für andere sind.
  • uns im Leben Dinge widerfahren, die schmerzen und uns aus dem Gleichgewicht bringen.

Als Kinder versuchen wir das, was mit uns passiert, mit unserem noch sehr beschränkten Verständnis von der Welt einzuordnen. So kann es passieren, dass wir uns nicht mehr geliebt fühlen, wenn unsere Mutter sich nur noch um das neugeborene Geschwisterchen kümmert. Trennen sich unsere Eltern und unser Vater zieht aus, interpretieren wir dies vielleicht so, dass unser Vater sich nicht mehr für uns interessiert.

Deshalb macht es Sinn, wenn wir uns die Vorwürfe, die wir unseren Eltern machen, nochmals bewusst aus der Sicht des Erwachsenen anschauen. Vielleicht gelingt es uns auch, einmal in die Rolle unserer Eltern hineinzuschlüpfen und deren Sichtweise besser zu verstehen. Und vielleicht finden wir auch Vorwürfe an unsere Eltern, die wir aus der Sicht des Erwachsenen revidieren können.

TIPP 5: Behandeln Sie sich selbst so, wie Sie gerne von Ihren Eltern hätten behandelt werden wollen.
Die Verhaltensweisen Ihrer Eltern haben Ihr Verhalten in der Kindheit und auch jetzt im Erwachsenenleben geprägt. Höchstwahrscheinlich behandeln Sie sich selbst auch heute noch so, wie Sie in Ihrer Kindheit von Ihren Eltern behandelt wurden. So kritisieren Sie sich vielleicht oft und loben sich wenig. Oder Sie nehmen Ihre Bedürfnisse nicht ernst, weil Sie glauben, es nicht verdient zu haben, dass es Ihnen gut geht.

Vielleicht stellen Sie auch eigene Interessen zurück, weil Sie um die Liebe anderer Menschen ringen. Beginnen Sie damit, für Ihr eigenes Wohlbefinden zu sorgen. Beginnen Sie sich die Liebe zu geben, die Sie sich immer von Ihrem Vater und Ihrer Mutter gewünscht haben. Dann wird auch Ihr Groll Ihren Eltern gegenüber nachlassen und Sie können diesen leichter verzeihen. Gehen Sie selbst genau so mit sich um, wie Sie mit einem guten Freund umgehen.

TIPP 6: Übernehmen Sie Verantwortung für Ihr Leben.
Ihre Eltern haben Einfluss darauf gehabt, wie Sie sich entwickelt haben, welche Erfahrungen Sie gemacht, welche Einstellungen und Verhaltensmuster Sie erlernt haben. Natürlich haben auch Ihre Geschwister, Verwandte, Freunde, Eltern, Lehrer, der Pfarrer, usw. ihren Teil zu Ihrer Entwicklung beigetragen. Doch jetzt als Erwachsener haben Sie immer noch die Möglichkeit, Einstellungen und Verhaltensgewohnheiten zu verändern. So lange Sie lernfähig sind, können Sie sich jederzeit neu entscheiden.

Ihre Eltern sind nicht für Ihre Probleme, die Sie nun haben, verantwortlich – sie haben höchstens den Grundstein dafür gelegt. Sie sind derjenige, der die Einstellungen aus der Kindheit jetzt am Leben erhält. Nur Sie können deshalb derjenige sein, der diese ändert oder loslässt.

TIPP 7: Lernen Sie, sich zu akzeptieren, wie Sie sind.
Auch wenn Ihre Eltern bei der Meinung bleiben sollten, dass Sie nicht in Ordnung sind und versagt haben, sollten wenigstens Sie lernen, sich selbst anzunehmen. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf, wie Sie werden wollen. Fragen Sie sich, was Sie benötigen, um dorthin zu gelangen. Dann werden Sie aktiv, sich und Ihr Leben nach Ihren Vorstellungen zu gestalten.

TIPP 8: Nehmen Sie Kontakt zu Ihrer Familie auf. Sprechen Sie mit Ihren Eltern.
Prüfen Sie, ob Sie sich innerlich bereit fühlen, mit Ihren Eltern über Ihre Kindheit zu sprechen. Wichtig ist, dass Sie nicht mit Zorn, Rachegedanken oder um ihnen Schuldgefühle zu machen, in das Gespräch gehen. Für das Gespräch könnte ein neutraler Ort wie ein Restaurant oder eine Bank im Park hilfreich sein.

Ziel dabei soll es sein, mehr über Ihre Eltern, Ihre Gedanken, Gefühle, Wünsche und Probleme zur Zeit Ihrer Kindheit zu erfahren. Sie wollen lediglich besser verstehen, was Ihre Eltern zu Ihrem damaligen Verhalten gebracht hat und weshalb vieles in Ihrer Erziehung falsch gelaufen ist. Hören Sie ihnen lediglich zu.

Fordern Sie nicht, dass Ihre Eltern ihr Fehlverhalten einsehen oder Sie um Verzeihung bitten - wenngleich dies Ihr innigster Wunsch sein mag. Wenn Ihre Eltern ihre Fehler einsehen und ihr Verhalten bedauern, dann ist es natürlich umso besser und für Sie umso leichter, ihnen zu verzeihen. Erwarten Sie nicht, dass Ihre Eltern sich noch ändern oder einsehen, falsch gehandelt zu haben. Diese haben ihr Leben so gelebt, wie sie dachten, dass es richtig sei.

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Reinhold schreibt am 03.11.2020

Sehr geehrte Psychologen des pal Verlag. Schön lange lese ich mit Begeisterung ihre Ratschläge, sowohl als Bücher als auch den fantastischen Lebensfreude Kalender. Dieser Beitrag von Doris Wolf bringt es auch bei mir auf den Punkt und damit zugleich das Problem wie man der Mutter ( in meinem Fall) vergeben kann. Gibt es ein Buch das speziell dieses Thema behandelt? Für eine Antwort wäre ich ihnen sehr dankbar.
Bleiben sie gesund.
Reinhold

Anja schreibt am 02.11.2020

Ich bin mal wieder in der Eltern Verzeihens-Arbeit. Meine Eltern sind Beide verstorben und ich kann nicht das Gespräch suchen. So habe ich schon zu mehreren alten Glaubenssätzen, die immer noch Heute aktiv sind Briefe geschrieben und diese verbrannt - zum Loslassen.
Tränen liefen beim Schreiben, aber auch Wut und Zorn kamen mit zu Papier. Ich war erschöpft und unendlich müde danach. Ich dachte, dass ich verziehen habe. Allerdings kommen ab und an doch wieder Dinge aus meiner Kindheit ans Tageslicht, die ich mittlerweile akzeptiere wie sie sind und das Beste im Jetzt daraus mache. Allerdings komplett verzeihen geht nicht, weil die Verletzung auch bei mir nicht komplett verheilt ist.
Ich nehme sehr viel aus ihrem Artikel und er passte just in diesem Moment wie die Faust aufs Auge. Herzlichen Dank für den tollen Newsletter. Auch Ihre Ratgeber sind klasse.

HAL SIXT schreibt am 01.11.2020

Ich habe in dem Beitrag 'den Eltern vergeben'
vermisst was man machen
kann, wenn die Eltern
bereits verstorben sind.

Carmen schreibt am 15.10.2020

Auch wenn meine Eltern so ziemlich alles vermasselt haben, so gab es doch Zeiten und Momente, die wunderbar waren. Und ich glaube genau das ist es was das Loslassen so schwierig macht. Zwar ist da viel Wut und Traurigkeit, aber auch viel Sehnsucht und Schönes, das leider nicht ausreichend vorhanden war. Loslassen von den Sehnsuchtseltern, die ich nicht hatte, weil warum auch immer. Letztendlich bin ich dankbar und glücklich, dass es mich gibt, dass ich lieben kann und sowohl meinen Eltern als auch mir Fehler zugestehen kann. Das Leben ist nicht perfekt, sondern oft tragisch und unfair. Wieso auch nicht. Immerhin kommt keiner von uns mit einem Garantie-Schein auf die Welt. Also lasst uns das Beste daraus machen! Denn jetzt können wir's. Als wir noch klein waren ging das nicht.

Dorothee 3 schreibt am 07.07.2020

Ich habe als Erwachsene nie eine Beziehung zu meinen Eltern aufbauen können. Sie waren zwar daran interessiert, dass sie ihrem Kind alles gaben, was es brauchte, um eigenständig leben zu können, aber an meiner individuellen Person hatten sie nie Interesse. Wie es mir geht, oder was mich geistig an Themen beschäftigt, haben sie nie gefragt.Höflich bin ich immer geblieben und habe die jährlichen Pflichtbesuche meistens absolviert, auch wenn es quälend war, mich dem (Nicht-)Kontakt auszusetzen. Viel habe ich gelernt durch die Beobachtung des guten Umgangs fremder Eltern mit deren kleinen Kindern, und durch Bücher, in denen der negative Umgang aufgedeckt wurde, wie z.B. von Alice Miller. Aber beides - der gute und der böse Umgang - macht mich bis heute immer noch unglaublich aggressiv, weil es so schwer ist, zu akzeptieren, dass sich meine Eltern FALSCH verhalten haben. Auch wenn ich es vom Kopf her nun verstehen kann, bin ich immer noch zu überzeugt davon, dass die Eltern im Recht seien und dass meine Person unannehmbar sei.

Inhalt des Beitrags   
Inhalt des Beitrags 
 Wie sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern im Laufe des Lebens verändert
 Warum ist es wichtig, mit den Eltern zu sprechen?
 Warum ist es oft schwer, mit den Eltern zu reden?
 Was passiert, wenn wir keinen Frieden mit den Eltern schließen?
 Wie gelingt es, mit den Eltern Frieden zu schließen, sich auszusöhnen und den Eltern zu verzeihen?
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