Frieden schließen mit den Eltern – sich aussöhnen

Meiden Sie den Kontakt zu den Eltern weil Sie diesen nicht verzeihen können? Dann kann es wichtig sein, mit Ihren Eltern Frieden zu schließen und sich auszusöhnen.

Frieden schließen mit den Eltern – sich aussöhnen
© Chokniti, Adobe Stock

Zwischen Eltern und Kindern kann es in der Jugend zu vielen Konflikten kommen, die es später den erwachsenen Kindern schwermachen, sich mit den Eltern auszusöhnen. Wie Mutter oder Vater verzeihen und vergeben? Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihren Eltern? Sind Sie gerne mit diesen zusammen oder halten Sie Abstand? Haben Sie den Kontakt zu Ihren Eltern völlig abgebrochen?

Viele erwachsene Kinder haben ein gestörtes Verhältnis zu den Eltern, weil sie vielleicht viele seelische Verletzungen in der Kindheit haben hinnehmen müssen oder weil die Eltern sie immer noch bevormunden oder durch Schuldgefühle Druck machen.

Andererseits sind Eltern die wichtigsten Bezugspersonen in unserem Leben und in der Regel haben wir ihnen viel zu verdanken. Mit ihnen Frieden zu schließen und sich mit ihnen auszusöhnen kann nicht nur für unsere Beziehung zu ihnen wichtig sein, sondern auch für unser Seelenheil und Zusammenleben mit anderen Menschen.

Wie sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern im Laufe des Lebens verändert

Auf dem Weg von unserer Kindheit zum erwachsenen Menschen durchlaufen wir gewöhnlich drei Phasen.

I. Phase
Wenn wir klein sind, sind die Eltern für uns alles. Sie wissen alles, können alles und wir bewundern sie maßlos. Wir ahmen sie nach und verteidigen sie anderen gegenüber. Mit zunehmender Reife holen wir unsere Eltern dann langsam vom Podest. Wir entdecken, dass sie nicht alles wissen, Fehler machen und uns manchmal auch etwas vormachen.

II. Phase
In der Pubertät sind die Eltern für uns schließlich die letzten Versager, unsere Feinde, die uns nur Schlechtes wollen. Wir können kein Quäntchen Positives an ihnen erkennen und glauben, alles besser zu wissen.

III. Phase
Als Erwachsene gelangen wir schließlich, wenn es ideal läuft, an den Punkt, an dem wir

  • unsere Eltern sehen, wie sie sind.
  • sowohl ihre Stärken als auch Schwächen kennen.
  • verstehen, weshalb sie so sind und sich uns gegenüber so verhalten (haben).
  • ihnen ihre Fehler verzeihen und sie als Menschen ansehen, die wie alle Menschen ihre Fehler und Schwächen haben.

Wir gelangen zu einer gleichberechtigten Beziehung, in der keiner den anderen grundsätzlich schlecht machen, verurteilen oder bevormunden muss, in der keiner den anderen für sein körperliches und seelisches Überleben benötigt.

Manchmal folgt auch noch eine IV. Phase, in der wir bei unseren Eltern die Rolle eines Elternteiles übernehmen, wenn die Eltern z. B. pflegebedürftig werden. Der Weg bis hin zur III. Phase ist manchmal sehr dornig und schwierig. Manche Menschen verharren ihr Leben lang in der II. Phase. Sie machen ihren Eltern Vorwürfe, dass diese in der Erziehung alles falsch gemacht haben und deshalb ihr Leben nun verpfuscht ist. Andere verharren in der I. Phase und schaffen es nicht, nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben. Sie erfüllen z. B. die Berufswünsche ihrer Eltern oder leben nach deren Wertvorstellungen und Vorgaben.

Andere verharren in der II. Phase. Sie machen ihren Eltern Vorwürfe, dass diese in der Erziehung alles falsch gemacht haben und deshalb ihr Leben nun verpfuscht ist. Insbesondere wenn sie in ihrer Kindheit eine oder mehrere traumatische Erfahrungen gemacht haben, körperlich oder seelisch von ihren Eltern misshandelt oder missbraucht wurden, sehen manche keinen Weg, sich auf ihre Eltern zu zu bewegen und sie zu akzeptieren, wie sie sind. Wer zur III. Phase gelangen möchte, muss sich mit seinen Eltern auseinandersetzen und mit ihnen Frieden schließen: Er muss

  • überprüfen, ob das, was er von der Kindheit in Erinnerung hat, richtig von ihm wahrgenommen und bewertet wurde.
  • die damalige Sichtweise der Eltern kennenlernen.
  • Gefühle wie Ärger und Enttäuschung ausdrücken.
  • die Regeln der Eltern überprüfen und eigene Regeln entwickeln.

Warum ist es wichtig, mit den Eltern zu sprechen?

Das Gespräch mit den Eltern ist sehr wichtig, um die Wurzeln vieler unserer Verhaltensweisen und Gefühlsreaktionen zu verstehen. Viele Verhaltensweisen und Einstellungen haben wir uns von den Eltern abgeschaut. Viele Verhaltensweisen und Einstellungen haben wir aus einer Protesthaltung den Eltern gegenüber heraus entwickelt.

Vieles haben wir aus Angst vor Ablehnung gegen unseren Willen gemacht. Vieles haben wir aus Angst vor Schuldgefühlen und einem schlechten Gewissen gegen unseren Willen gemacht. Also sowohl Anpassung als auch Rebellion können ein Zeichen von Unfreiheit sein. Erst wenn wir die III. Phase erreicht haben, können wir frei entscheiden, ein Gefühl der Liebe entwickeln, sie gerne besuchen oder gar liebevoll pflegen.

Warum ist es oft schwer, mit den Eltern zu reden?

Wenn wir uns mit unseren Eltern unterhalten wollen, so können sowohl von unserer Seite, als auch der Seite der Eltern Fehler passieren.

Wir können folgendes ungeeignetes Verhalten zeigen:

  • Wir greifen unsere Eltern an und wollen sie kleinmachen.
  • Wir erwarten von unseren Eltern ein Schuldeingeständnis, wenn wir sie auf ihre Fehler ansprechen.
  • Wir führen unser Gespräch nicht als Erwachsene sondern rutschen in die Rolle des Kindes ab. Beispielsweise werden wir trotzig, beginnen zu schmollen oder reagieren mit Protest, oder geben nach und machen uns klein.
  • Wir erwarten von unseren Eltern, dass sie sich völlig anders verhalten, wie in der Vergangenheit. Wir erwarten beispielsweise, dass sie uns loben, Liebe zeigen und stolz auf uns sind. Dies ist jedoch unrealistisch, denn dazu müssten sie sich grundsätzlich ändern.

Nach dem Psychotherapeuten Bloomfield sind bei einem Gespräch mit einem Elternteil immer vier Personen anwesend: 1. unsere Vorstellung der Eltern davon, wie sie sein sollten; 2. wie die Eltern tatsächlich sind; 3. die Vorstellung der Eltern davon, wie wir sein sollten; 4. wie wir tatsächlich sind.

Unsere Eltern könnten ungeeignetes Verhalten zeigen:

  • Unsere Eltern fühlen sich angegriffen, obwohl wir sie nicht angreifen wollen. Die Folge ist, dass sie sich rechtfertigen, verteidigen, uns Vorwürfe machen. Eine andere Möglichkeit ist, dass sie sich übertriebene Schuldgefühle machen und einreden, alles verkehrt gemacht zu haben.
  • Unsere Eltern beharren auf ihrem Standpunkt, hören uns nicht zu, bemühen sich nicht, unsere Sichtweise nachzuvollziehen und uns zu verstehen.
  • Unsere Eltern verweigern aus Angst vor Vorwürfen ein Gespräch.

Was passiert, wenn wir keinen Frieden mit den Eltern schließen?

Wenn wir den Eltern nicht vergeben, dann werden wir

  • in unserer Partnerschaft ähnliche Verhaltensmuster wie die den Eltern gegenüber zeigen. Wir sind z. B. brav und angepasst, aber rebellieren innerlich; oder wir lehnen uns selbst ab, weil wir uns von den Eltern abgelehnt fühlten; oder wir trauen uns nichts zu, weil die Eltern uns für Versager hielten; oder wir fühlen uns bevormundet, kritisiert und ausgeliefert, weil wir dies auch von unseren Eltern erlebten; oder aber wir misstrauen anderen, weil wir unseren Eltern nicht vertrauen können, oder aber wir rasten aus und schlagen den Partner, weil wir von unseren Eltern geschlagen wurden.
  • Partner attraktiv finden, die den Eltern ähnlich sind, oder nach Menschen Ausschau halten, die vollkommen anders sind.
  • möglicherweise aus Angst vor schlechten Erfahrungen überhaupt keine Partnerschaft eingehen.
  • uns unseren Kindern gegenüber ähnlich wie die Eltern verhalten oder uns bemühen, genau das Gegenteil davon zu tun.
  • nicht tun, was wir tun möchten, aus Angst, abgelehnt zu werden, oder tun aus Protest genau das Gegenteil, auch wenn wir uns damit schaden.
  • uns nicht akzeptieren können, weil wir uns von unseren Eltern nicht akzeptiert fühlen.
  • uns schwer tun, uns Fehler zu verzeihen.
  • uns schwer tun, mit Autoritätspersonen umzugehen.
  • perfektionistische Forderungen an uns stellen oder in eine Sucht abgleiten.
  • uns für unsere Eltern schämen.
  • den Eltern die Schuld an unserem verkorksten Leben und unseren schmerzvollen Gefühlen geben.
  • uns Vorwürfe machen, wenn sie gestorben sind und es zu spät für ein aussöhnendes Gespräch ist.

All das muss nicht unbedingt passieren, aber die Chancen dafür sind groß. Auch wenn Ihre Eltern gestorben sind, können Sie noch Frieden mit ihnen schließen und ihnen vergeben. In Ihrem Innern leben Ihre Eltern noch und haben noch Einfluss auf Ihre Gefühle und Ihr Verhalten.

Wichtig zu wissen:

  • Wenn wir Frieden mit unseren Eltern schließen, bedeutet das nicht, dass wir gutheißen, was sie uns „angetan haben“ und ihnen quasi einen Freifahrtschein ausstellen.
  • Frieden schließen tun wir um unseretwegen, nicht der Eltern wegen. Wir wollen uns von einer schweren seelischen Last befreien und nicht auch heute noch damit bestrafen, dass wir uns nur mit unserer schlechten Kindheit beschäftigen und unsere Eltern hassen.
  • Mit der Vergangenheit Frieden schließen muss nicht unbedingt bedeuten, dass wir unseren Eltern verzeihen. Es kann auch bedeuten, dass wir die Vergangenheit so akzeptieren, wie sie für uns war, und sie ruhen lassen.
  • Es kann bedeuten, dass wir den Eltern keine Vorwürfe mehr machen, sondern akzeptieren, dass unsere Eltern sich nicht wie gute Eltern verhalten haben und uns nicht das gegeben haben, was für uns als Kinder förderlich und zur gesunden Entwicklung erforderlich gewesen wäre. Es kann bedeuten, dass wir akzeptieren, dass unsere Eltern sich aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte oder eigener seelischer Probleme nicht anders verhalten konnten.
  • Frieden schließen bedeutet nicht unbedingt, dass wir wieder Kontakt zu unseren Eltern aufnehmen und uns mit ihnen aussprechen müssen. Dieser Prozess kann ganz allein in unserem Innern erfolgen.
  • Frieden schließen heißt auch nicht unbedingt, dass wir hierzu ein Schuldeingeständnis unserer Eltern benötigen.

Wie gelingt es, mit den Eltern Frieden zu schließen, sich auszusöhnen und den Eltern zu verzeihen?

Die meisten von uns haben in der Kindheit nicht nur positive Erfahrungen mit ihren Eltern gemacht. Es liegt in der Natur der Erziehung, dass Eltern uns manche unserer kindlichen Bedürfnisse nicht erfüllen und wir infolgedessen enttäuscht sind. Manche Verhaltensweise unserer Eltern  können wir aus unserer kindlichen Sicht auch nicht oder nur falsch verstehen.

Und so ist es sinnvoll, aus der Erwachsenensicht unsere gesammelten Erfahrungen nochmals anzuschauen und zu prüfen, ob wir sie noch genauso wie als Kind bewerten. Die folgenden Tipps können Ihnen Anregungen geben, wie Sie Wut, Enttäuschung und Kränkungsgefühle, die Sie Ihren Eltern gegenüber empfinden, abbauen können.

Wenn Sie schwere seelische und/oder körperliche Verletzungen in der Kindheit erlebt haben und diese Ihr gesamtes heutiges Leben überschatten, sind Sie vielleicht zu dem Schluss gekommen, das Verhalten Ihrer Eltern niemals akzeptieren oder verzeihen zu können. Dann könnte es bereits ein großer Schritt für Sie sein, zu akzeptieren, dass Sie genau diese Menschen, die Ihre Erzeuger sind, als Eltern hatten - unabhängig davon, ob Sie in der Lage waren oder sind, Ihnen das zu geben, was Sie benötigt haben oder benötigen.

TIPP 1:  Nehmen Sie die Kindheit Ihrer Eltern unter die Lupe.
In der Kindheit Ihrer Eltern finden Sie höchstwahrscheinlich die Antwort auf Ihre Frage, warum Ihre Eltern sich Ihnen gegenüber so lieblos, gleichgültig oder verletzend verhalten haben. Wurden Ihre Eltern nicht von ihren Eltern geliebt, so taten sie sich ebenfalls schwer tun, Liebe zu geben. Wurden Sie durch Verbote, häufige Kritik, Liebesentzug oder Schläge erzogen, so sind die Chancen groß, dass sie diese Erziehungsstrategien auch bei Ihnen eingesetzt haben. 

Erlebten Ihre Eltern in der eigenen Kindheit emotionale Erpressung durch Schuldgefühle, so reagierten sie wahrscheinlich Ihnen gegenüber sehr empfindlich auf Vorwürfe und große Nähe. Diese Zusammenhänge können zwar das Leid nicht wiedergutmachen, was Ihnen als Kind widerfahren ist. Doch hilft Ihnen dieses Wissen, das Verhalten Ihrer Eltern zu verstehen. Die Eltern sind selbst "Opfer" ihrer Eltern.

TIPP 2: Betrachten Sie Ihre Eltern als Menschen und nicht als Eltern.
Ihre Eltern wurden nicht als Eltern geboren sondern als ganz normale Menschen. Ihre Eltern haben keine Schule besucht, in der Sie lernen konnten, wie gute Eltern sich verhalten. Sie waren wahrscheinlich nicht bei einem Psychotherapeuten, um ihre eigenen Probleme zu bearbeiten, bevor sie sich für Sie entschieden haben. Und vielleicht haben Sie sich zum Zeitpunkt Ihrer Geburt sogar gar kein Kind gewünscht.

Um aber ein Kind zu lieben und mit Geduld und Zuwendung großziehen zu können, hätten Ihre Eltern die dazu notwendige Persönlichkeit, die Reife und das Wissen parat haben müssen. Auch wenn sie Ihnen mit ihrem Verhalten geschadet haben, haben sie sich nicht anders verhalten können, als sie es getan haben.

TIPP 3: Schreiben Sie Ihren Eltern einen Brief.
Wenn Sie großen Zorn und Verbitterung Ihren Eltern gegenüber empfinden, kann es Ihnen gut tun, Ihre Gedanken und Gefühle in einem Brief auszudrücken. Schreiben Sie sich alle Vorwürfe von der Seele – genau in den Worten, wie Sie ihnen gerade einfallen. Führen Sie die schmerzlichsten Situationen auf, in denen Sie sich als Kind allein gelassen, ungerecht behandelt, vernachlässigt, missachtet, gefühlt haben. Sie können sich hierfür mehrere Tage Zeit lassen.

Wenn Sie Eindruck haben, jetzt sei alles gesagt, dann schließen Sie den Brief mit dem Satz: „Ich bin bereit, zu akzeptieren, dass ihr euch in meiner Kindheit in dieser Form mir gegenüber verhalten habt. Das war alles, was ihr mir geben konntet.“ Dann verbrennen Sie diesen Brief feierlich oder zerreißen sie ihn und werfen ihn in kleinen Stücken in einen Bach. Stellen Sie sich dabei vor, wie eine schwere Last von Ihnen abfällt und Sie nun innerlich frei sind.

TIPP 4: Prüfen Sie Ihre Erwartungen, die Sie als Kind an Ihre Eltern hatten.
Als Kinder sind wir alle Egoisten, die von unseren Eltern erwarten, dass sie uns bedingungslos lieben, immer für uns da sind, uns jeden unserer Wünsche erfüllen, uns fair behandeln, uns auf sie verlassen können usw. Über Erfahrungen lernen wir dann im Laufe der Zeit, dass

  • nicht alle unsere Wünsche erfüllt werden,
  • andere Menschen uns nicht immer lieben, auch wenn wir uns bemühen, besonders lieb zu sein.
  • andere Menschen uns enttäuschen.
  • andere Menschen uns manchmal grundlos schlecht oder ungerecht behandeln.
  • wir nicht immer die Nummer 1 für andere sind.
  • uns im Leben Dinge widerfahren, die schmerzen und uns aus dem Gleichgewicht bringen.

Als Kinder versuchen wir das, was mit uns passiert, mit unserem noch sehr beschränkten Verständnis von der Welt einzuordnen. So kann es passieren, dass wir uns nicht mehr geliebt fühlen, wenn unsere Mutter sich nur noch um das neugeborene Geschwisterchen kümmert. Trennen sich unsere Eltern und unser Vater zieht aus, interpretieren wir dies vielleicht so, dass unser Vater sich nicht mehr für uns interessiert.

Deshalb macht es Sinn, wenn wir uns die Vorwürfe, die wir unseren Eltern machen, nochmals bewusst aus der Sicht des Erwachsenen anschauen. Vielleicht gelingt es uns auch, einmal in die Rolle unserer Eltern hineinzuschlüpfen und deren Sichtweise besser zu verstehen. Und vielleicht finden wir auch Vorwürfe an unsere Eltern, die wir aus der Sicht des Erwachsenen revidieren können.

TIPP 5: Behandeln Sie sich selbst so, wie Sie gerne von Ihren Eltern hätten behandelt werden wollen.
Die Verhaltensweisen Ihrer Eltern haben Ihr Verhalten in der Kindheit und auch jetzt im Erwachsenenleben geprägt. Höchstwahrscheinlich behandeln Sie sich selbst auch heute noch so, wie Sie in Ihrer Kindheit von Ihren Eltern behandelt wurden. So kritisieren Sie sich vielleicht oft und loben sich wenig. Oder Sie nehmen Ihre Bedürfnisse nicht ernst, weil Sie glauben, es nicht verdient zu haben, dass es Ihnen gut geht.

Vielleicht stellen Sie auch eigene Interessen zurück, weil Sie um die Liebe anderer Menschen ringen. Beginnen Sie damit, für Ihr eigenes Wohlbefinden zu sorgen. Beginnen Sie sich die Liebe zu geben, die Sie sich immer von Ihrem Vater und Ihrer Mutter gewünscht haben. Dann wird auch Ihr Groll Ihren Eltern gegenüber nachlassen und Sie können diesen leichter verzeihen. Gehen Sie selbst genau so mit sich um, wie Sie mit einem guten Freund umgehen.

TIPP 6: Übernehmen Sie Verantwortung für Ihr Leben.
Ihre Eltern haben Einfluss darauf gehabt, wie Sie sich entwickelt haben, welche Erfahrungen Sie gemacht, welche Einstellungen und Verhaltensmuster Sie erlernt haben. Natürlich haben auch Ihre Geschwister, Verwandte, Freunde, Eltern, Lehrer, der Pfarrer, usw. ihren Teil zu Ihrer Entwicklung beigetragen. Doch jetzt als Erwachsener haben Sie immer noch die Möglichkeit, Einstellungen und Verhaltensgewohnheiten zu verändern. So lange Sie lernfähig sind, können Sie sich jederzeit neu entscheiden.

Ihre Eltern sind nicht für Ihre Probleme, die Sie nun haben, verantwortlich – sie haben höchstens den Grundstein dafür gelegt. Sie sind derjenige, der die Einstellungen aus der Kindheit jetzt am Leben erhält. Nur Sie können deshalb derjenige sein, der diese ändert oder loslässt.

TIPP 7: Lernen Sie, sich zu akzeptieren, wie Sie sind.
Auch wenn Ihre Eltern bei der Meinung bleiben sollten, dass Sie nicht in Ordnung sind und versagt haben, sollten wenigstens Sie lernen, sich selbst anzunehmen. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf, wie Sie werden wollen. Fragen Sie sich, was Sie benötigen, um dorthin zu gelangen. Dann werden Sie aktiv, sich und Ihr Leben nach Ihren Vorstellungen zu gestalten.

TIPP 8: Nehmen Sie Kontakt zu Ihrer Familie auf. Sprechen Sie mit Ihren Eltern.
Prüfen Sie, ob Sie sich innerlich bereit fühlen, mit Ihren Eltern über Ihre Kindheit zu sprechen. Wichtig ist, dass Sie nicht mit Zorn, Rachegedanken oder um ihnen Schuldgefühle zu machen, in das Gespräch gehen. Für das Gespräch könnte ein neutraler Ort wie ein Restaurant oder eine Bank im Park hilfreich sein.

Ziel dabei soll es sein, mehr über Ihre Eltern, Ihre Gedanken, Gefühle, Wünsche und Probleme zur Zeit Ihrer Kindheit zu erfahren. Sie wollen lediglich besser verstehen, was Ihre Eltern zu Ihrem damaligen Verhalten gebracht hat und weshalb vieles in Ihrer Erziehung falsch gelaufen ist. Hören Sie ihnen lediglich zu.

Fordern Sie nicht, dass Ihre Eltern ihr Fehlverhalten einsehen oder Sie um Verzeihung bitten - wenngleich dies Ihr innigster Wunsch sein mag. Wenn Ihre Eltern ihre Fehler einsehen und ihr Verhalten bedauern, dann ist es natürlich umso besser und für Sie umso leichter, ihnen zu verzeihen. Erwarten Sie nicht, dass Ihre Eltern sich noch ändern oder einsehen, falsch gehandelt zu haben. Diese haben ihr Leben so gelebt, wie sie dachten, dass es richtig sei.

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Dorothee 3 schreibt am 07.07.2020

Ich habe als Erwachsene nie eine Beziehung zu meinen Eltern aufbauen können. Sie waren zwar daran interessiert, dass sie ihrem Kind alles gaben, was es brauchte, um eigenständig leben zu können, aber an meiner individuellen Person hatten sie nie Interesse. Wie es mir geht, oder was mich geistig an Themen beschäftigt, haben sie nie gefragt.Höflich bin ich immer geblieben und habe die jährlichen Pflichtbesuche meistens absolviert, auch wenn es quälend war, mich dem (Nicht-)Kontakt auszusetzen. Viel habe ich gelernt durch die Beobachtung des guten Umgangs fremder Eltern mit deren kleinen Kindern, und durch Bücher, in denen der negative Umgang aufgedeckt wurde, wie z.B. von Alice Miller. Aber beides - der gute und der böse Umgang - macht mich bis heute immer noch unglaublich aggressiv, weil es so schwer ist, zu akzeptieren, dass sich meine Eltern FALSCH verhalten haben. Auch wenn ich es vom Kopf her nun verstehen kann, bin ich immer noch zu überzeugt davon, dass die Eltern im Recht seien und dass meine Person unannehmbar sei.

Dorothee 2 schreibt am 07.07.2020

Nicht die vielen Verbote waren z.B. das Schlimme, sondern der Tonfall. Dadurch musste ich nicht nur auf eine Freude verzichten, sondern fühlte mich zusätzlich als Person abgelehnt und nicht mal berechtigt, überhaupt einen Eigenwillen, Wünsche und Bedürfnisse zu haben. Wenn die Eltern ärgerlich waren - warum auch immer -, dann wurden diese Situationen hinterher niemals aufgelöst. Ich durchblickte es nicht, dass Eltern auch mal ungeduldig sind oder von fremden Erwachsenen mies behandelt wurden, so dass sie es in der Hackordnung unreflektiert an ihre Kinder weitergaben - und dass es gar nicht von mir als Kind unmittelbar verursacht worden wäre. Deren Schimpfen war nie sachbezogen und konstruktiv, als könne ich durch Noch-braver-Sein die Liebe der Eltern wiedergewinnen und sichern - auch wenn das immer meine Strategie war. Es waren grundsätzlich bei jeder Kleinigkeit meine Person, meine Existenz und die Beziehung zwischen mir und ihnen bedroht. Letztlich habe ich mich selbst aufgegeben, um es meinen Eltern unablässig rechtzumachen, es war ihnen aber nie endgültig recht genug.

Dorothee schreibt am 07.07.2020

Seit einigen Jahrzehnten arbeite ich nun meine Kindheit auf. Da die Eltern immer mir allein die Schuld gaben, hat es lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass die Beziehung zwischen ihnen und mir die Ursache war. Und was ebenfalls bis heute hinderlich ist, dass ich mein Erleben immer so verarbeitet habe, dass ich an deren negativem Verhalten mir gegenüber Schuld sei. Da nie über was gesprochen werden konnte und sie sich niemals für was entschuldigten, meinte ich immer, deren ärgerlicher Tonfall mir gegenüber sei fair. Ich sagte zwar vom Gefühl her: "Meine Mutter ist gemein zu mir.", aber da es mir nicht gespiegelt wurde, kam es nicht in mein Bewusstsein, dass ihr Verhalten tatsächlich unfair ist.

Pedi schreibt am 06.05.2020

Ich verurteile meine Eltern nicht für meine Kindheit - das ist vorbei, sie konnten nicht besser, ich bin nun selbst für mein Leben verantwortlich. Aber es hört einfach nicht auf! Die Vorwürfe, Forderungen, Anschuldigungen, usw hören nicht auf. Meine Bedürfnisse, Gefühle, Meinungen oder Entscheidungen werden weder wahrgenommen noch sind sie von Belang. In meiner Familie wird gelogen, betrogen, beschimpft und missbraucht. Ich kann und will nicht mehr und gehe seit 4Monaten auf Distanz. Ich habe Briefe geschrieben (ohne Vorwürfe) wo ich erklärte, dass ich Zeit für mich brauche und ich diese ewigen Spannungen und Eskalationen nicht mehr aushalte. Statt Selbstreflekrion sind sie nun überzeugt, ich sei psychisch krank! Egal, ich glaube, der eingeschlagene Weg ist der Richtige für mich - auch wenn es nicht einfach ist, aus alter Gewohnheit unter dem sehr freundlichen Psychodruck von meinem Weg anzukommen - es ist SCHWIERIG und braucht Kraft und MUT.

Sabrina schreibt am 14.04.2020

vielen herzlichen Dank - der Beitrag ist sehr wertvoll! Ich empfinde es gerade so, als stehe ich vor Phase III und suche nach Möglichkeiten um mich -ich bin 42- wirklich (be)frei(t) zu fühlen. Letztes Jahr eskalierte eine Situation und meine Mutter schrie mich an "Hattest du so eine schlimme Kindheit, dass es jetzt so weit kommen musste?" Ich wusste sofort, es ist IHR Schmerz, den Sie ungefiltert auf mich projezierte. Ich bin selbst Mama einer 10Jährigen und Sie spiegelt sehr vieles. So auch mein Verhalten Ihr gegenüber, meine Unsicherheit und auch die Erkenntnis, dass ich Ihr nicht immer DIE Nähe und Zuwendung geben kann, weil ich es aus verschiedensten Gründen vielleicht selbst nicht kann. Ich verstehe daher meine Mutter einerseits besser, andererseits spüre ich eine Tiefe Lücke und habe stets den Wunsch,nur einmal zu hören"ich liebe dich, ich bin stolz".Aber ich weiß, es wird niemals passieren. Daher versuche ich mit mir ins Reine zu kommen und die Beziehung zu meiner Tochter auf einen guten Weg zu bringen, so gut es mir gelingt.


Olaf schreibt am 20.08.2020

Ich kann meiner Mutter verzeihen, dass sie sind wie sie sind, auch wenn es nicht immer gut für mich war. Zum Beispiel, dass sie mich so gut wie nie in den Arm genommen, gelobt oder beachtet hat. Das mache ich auch aus Selbstliebe, da ich mich sonst immer darüber ärgern würde.
Auch sie hatten eine schwere Kindheit im Krieg und danach. Außerdem sind Eltern nie (bzw. immer) perfekt, wie jeder Mensch.

Aussöhnen kann ich mich nicht mit ihr, da Sie mir nicht zuhört auch wenn sie mich hört. Ich bin für sie offensichtlich nicht mehr wichtig für sie. Sie hört leider nur sich, etwas anderes interessiert sie nicht mehr. Sich mit Narzissten auszusöhnen ist mir nicht möglich ("Jeder, der nicht 100% für mich ist, ist gegen mich"stellte sie klar). Mich tröstet dass es ihrem gesamten Umfeld einschließlich dem Rest der Familie ebenso geht wie mir. Da ich mich selbst liebe, halte ich lieber Distanz.

Daher kann ich dem Vorschlag den Frau Dr. Wolf hier macht, nur eingeschränkt zustimmen.

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 Wie sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern im Laufe des Lebens verändert
 Warum ist es wichtig, mit den Eltern zu sprechen?
 Warum ist es oft schwer, mit den Eltern zu reden?
 Was passiert, wenn wir keinen Frieden mit den Eltern schließen?
 Wie gelingt es, mit den Eltern Frieden zu schließen, sich auszusöhnen und den Eltern zu verzeihen?
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