Zwangshandlungen und Zwangsgedanken - was ist das?

Ursachen Symptome und Behandlung von Zwangsneurosen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken. Hilfen für Angehörige.

Zwangshandlungen und Zwangsgedanken - was ist das?
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Gerade ist hinter Frau K. die Haustür ins Schloss gefallen, als sie voller Panik wieder aufschließt und die Treppen hinaufstürmt. Ist der Herd auch wirklich ausgeschaltet, der Stecker des Föns aus der Steckdose gezogen? Sie muss es einfach nochmals überprüfen, obwohl sie diese Zeremonie heute schon dreimal hinter sich gebracht hat. Es wird immer schlimmer.

Anfangs genügte es, einmal zu kontrollieren. Jetzt kommt sie erst zur Ruhe, wenn sie viermal in die Wohnung zurückgekehrt ist. Sie braucht immer länger, bis sie morgens im Büro ankommt. Sie weiß, dass ihr Verhalten nicht normal ist, doch alle Willenskraft reicht nicht aus, den Kontrollzwang zu durchbrechen.

Zweifel quälen sie, eines Tages wirklich verrückt zu werden. Deshalb setzt sie alles daran, ihr merkwürdiges Verhalten vor der Umwelt zu verbergen. Marotten und ungewöhnliche Eigenheiten kennen die meisten Menschen in irgendeiner Form. Sie glauben z.B. an Glückszahlen, klopfen auf Holz, brauchen eine bestimmte Ordnung am Schreibtisch.

Wann liegt eine Zwangserkrankung vor?

Wir sprechen von einer Zwangserkrankung, wenn die Betroffenen

  • stark unter ihrem Verhalten leiden,
  • durch ihre Zwangsstörung in ihrem Alltag stark beeinträchtigt sind,
  • sehr viel Zeit und Energie durch ihren Zwang verlieren,
  • ihr Zwangsritual als sinnlos und unbeeinflussbar ansehen,
  • Anspannung und Angst verspüren, wenn sie das Zwangsverhalten unterdrücken.

Betroffene wissen, dass ihre Zwänge krankhaft sind. Sie schämen sich dafür, haben Schuldgefühle und wollen nicht auffallen. Deshalb dauert es auch 7 bis 10 Jahre, bis sie therapeutische Hilfe suchen. Neben Depressionen, Angststörungen und Süchten sind Zwangsneurosen die vierthäufigste psychische Erkrankung.

Man unterscheidet Zwangsvorstellungen, Zwangsgedanken & Zwangshandlungen

Zwangsgedanken - Zwangsvorstellungen

Neben dem Zwang, etwas kontrollieren zu müssen, treten Zwangsgedanken sehr häufig auf.

Herr L. bekommt beispielsweise die Idee nicht mehr aus dem Kopf, dass er seine Frau mit einem Messer umbringen könnte. Er ist ein friedliebender Mensch und deshalb erschreckt ihn diese Vorstellung ganz besonders. Um seine Frau nicht in Gefahr zu bringen, schließt er die Messer nachts ein, geht Messern und Scheren, so gut es geht, aus dem Weg.

Manche Zwangspatienten leiden unter einer Art magischen Denkens. Sie geben einer Zahl eine magische Bedeutung. Wenn jemand z.B. die Zahl 3 für eine magische Zahl hält, dann muss er bestimmte Zwangshandlungen 3 Mal ausführen, oder ein vielfaches davon: 6 Mal, 9 Mal, 12 Mal, usw. Tut er dies nicht, dann passiert in seinen Augen etwas Schlimmes an diesem Tag.

Eine andere Variante der Zwangsgedanken sind Grübelgedanken. So malt sich Frau J. beispielsweise immer wieder aus, dass sie an Aids erkranken und jämmerlich sterben wird. Herr W. quält die Phantasie, er könnte mit dem Auto jemanden überfahren und es nicht bemerken.

Zwangshandlungen

Zu den Zwangshandlungen zählt z.B. der Ordnungszwang. Betroffene ordnen und sortieren die Dinge in ihrer Umgebung (Bücher, Kleider, Schuhe, Gebrauchsgegenstände) nach genau von ihnen festgelegten Regeln und Prinzipien. Nicht selten verbingen Zwangspatienten mehrere Stunden am Tag mit dem Sortieren und Ordnen ihrer Kleidung.

Die häufigste Form von Zwangshandlungen ist der Kontrollzwang. Betroffene können z.B. nicht die Wohnung verlassen, ohne mehrmals kontrolliert zu haben, ob der Herd oder das Licht ausgeschaltet ist, ob die Wohnungstür oder der Kühlschrank richtig verschlossen ist, der Wasserhahn abgedreht ist. Betroffene haben Angst, für einen Fehler, etwa einen Brand, bei dem jemand zu Schaden kommt, verantwortlich gemacht und zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Deshalb werden die Kontroll- und Ordnungszwänge sehr langsam und gewissenhaft ausgeführt. Der Kontrollwahn bzw. das Sicherheitsbedürfnis führt bei den Betroffenen dazu, dass sie viele Stunden am Tag mit der Ausübung ihres Zwangsverhaltens beschäftigt sind und so keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen können. Wenn die Kontrollzwänge auch das Essen und die Zubereitung der Malzeiten betreffen, dann kommt es zu Essstörungen wie etwa Magersucht, da die Betroffenen sich z.B. nur erlauben, 3 Löffel Müsli zu essen - nicht mehr und nicht weniger.

Die zweithäufigste Zwangserkrankung ist der Wasch- und Reinigungszwang. Betroffene verbingen Stunden am Tag damit, sich die Hände zu waschen oder zu duschen. Sie ekeln sich vor Schmutz und haben panische Angst vor Bakterien und Verunreinigungen. Aufgrund ihrer Zwangsrituale sind sie meist frühberentet, da sie Probleme haben, mit anderen Menschen in Berührung zu kommen.

Mehr zu Waschzwänge und Reinigungszwänge.

Je länger eine Zwangsstörung besteht, umso mehr ufern die Zwangsrituale aus. D.h. sehr oft haben Betroffene mehrere Zwänge, etwa einen Reinigungszwang und einen Kontrollzwang. Gemeinsam allen Zwangsritualen ist: Die Rituale dienen der Angstabwehr bzw. der Angstreduzierung.

Wer bekommt eine Zwangserkrankung?

Sicher ist, dass die Erfahrungen in der Kindheit eine Rolle spielen. Wenn ein Mensch als Kind hohe Anforderungen an Leistung, Perfektion oder Sauberkeit erfüllen muss und für Fehler nur Kritik und Vorwürfe zu hören bekommt, kann er als Erwachsener sehr verunsichert sein.

Der Betroffene hält dann das gesamte Leben für gefährlich und misstraut den Menschen. In einer Krise, z.B. ausgelöst durch Überforderung, Tod eines nahen Angehörigen oder Trennung des Partners, neigt er dann dazu, sich gegen alle möglichen Gefahren absichern zu wollen.

Die Ordnung und Sicherheit, die er in der Welt vermisst, versucht er durch Rituale und starre Handlungsabläufe zu schaffen. Ist der Zwang erst einmal entstanden, bleibt er von selbst weiter bestehen. Betroffene müssen den Zwang ausleben. Wenn sie dies nicht tun, befürchten sie, es komme zu Katastrophen und alles werde schlimmer.

Welche Hilfe gibt es bei Zwangserkrankungen?

Manchmal genügt eine Anleitung zur Selbsthilfe, um den Zustand zu verbessern. Manchmal, abhängig von der Art, Schwere und Langwierigkeit der Zwangserkrankung, ist eine (stationäre) Psychotherapie unerlässlich.

Der wirkungsvollste Therapieansatz in der Behandlung von (chronischen) Zwangshandlungen und Zwangsgedanken ist die Verhaltenstherapie. Der Betroffene muss lernen, mit den Situationen, die seine Ängste und Zwangshandlungen auslösen, wieder normal umzugehen. Er muss sich unter Anleitung des Therapeuten den Situationen stellen, in denen er sich zwanghaft verhält und sein zwanghaftes Verhalten unterlassen.

Diese Reizkonfrontation ist für die Betroffenen sehr stressig und mit großer Angst besetzt. Manchmal wird die Therapie für eine befristete Zeit auch durch Medikamente (i.d.R. Antidepressiva) unterstützt. In den meisten Fällen ist eine wirksame Hilfe möglich und der Betroffene kann seine Zeit wieder mit Handlungen verbringen, die ihm Spaß machen. Informationen und Hilfen für Betroffene und Angehörige gibt es bei der Dt. Gesellschaft für Zwangserkrankungen.

Eine Betroffene berichtet auf Instagram, was ihr geholfen hat

Selbstoptimierung - der neue Kontrollzwang

Immer mehr Menschen (nicht nur Sportler) kontrollieren regelmäßig ihre Körperfunktionen & Ernährungsgewohnheiten, um angeblich gesünder und länger zu leben. Mit Hilfe von Apps, Fitnesstrackern und dem Smartphone kontrollieren, überwachen und messen sie ständig, wieviele Kalorien sie verbraucht haben, wieviele Kilometer sie gelaufen sind, wieviele Kalorien sie zu sich nehmen, wie hoch Blutdruck und Sauerstoffgehalt des Blutes ist, usw.

Ständig eine Rückmeldung zu brauchen, wie es um das eigene Befinden steht, zeugt von innerer Verunsicherung, Angst und mangelndem Vertrauen - wie das bei anderen Kontrollzwängen der Fall ist. Der neuste Schrei: Die HAPPIfork - eine Gabel, die meldet, wenn man zu hastig isst. Mit ihr soll man kontrollieren, ob man langsam genug isst, weil Essen runterschlingen ja angeblich ungesund ist.

Satte 70 und mehr Euro für so etwas Überflüssiges auszugeben ist Schwachsinn. Genüsslich essen und das Essen genießen, würden völlig ausreichen. Leiden Sie unter einer Sportsucht? Der Sportsucht Test gibt Auskunft.

Tipps für Angehörige eines an einem Zwang Erkrankten

  • Suchen Sie nicht die Schuld bei sich selbst oder bei anderen. Zwänge entstehen nicht dadurch, dass jemand etwas falsch gemacht hat.
  • Versuchen Sie nicht über Appelle oder moralischen Druck auf den Kranken einzuwirken. Durch Sich-Zusammennehmen, Seinen-Verstand-Gebrauchen oder Sich-Ablenken kann der Zwangserkrankte seine Ängste nicht kontrollieren.
  • Wenn der Zwangskranke nicht von seinen Symptomen lassen kann, auch nachdem Sie eingeweiht sind, so stellen Sie nicht die ganze Beziehung in Frage. Sagen Sie nicht: Ich bin ihm nicht wert, dass er sich Mühe gibt. Werfen Sie ihm nicht vor, dass Ihre Zuwendung ihm nicht ausreicht, um mit seinen Problemen fertig zu werden.
  • Fragen Sie ihn nicht ständig, wie er sich fühlt. Bohren Sie nicht, um genauer zu erfahren, was in ihm vorgeht. Es ist sehr schwer über eigene Erlebnisse zu sprechen, v.a. dann, wenn sie einem selbst schon schrecklich oder verrückt vorkommen.
  • Lassen Sie sich auf keinen Fall auf immer neue Diskussionen darüber ein, wie groß z.B. eine Ansteckungsgefahr in Wirklichkeit sei, oder darüber, ob ein Risiko zumutbar sei oder nicht. Sie können niemandem seinen Zwang dadurch ausreden, dass Sie vernünftig mit ihm diskutieren. Der Kranke erlebt die Dinge anders als Sie.
  • Es bedeutet kein Versagen Ihrerseits, wenn Sie dem Zwangserkrankten mit dem normalen Menschenverstand nicht helfen können.
  • Jeder Kranke versucht seine Ängste so gering wie möglich zu halten. So erwartet er auch von Ihnen, dass Sie sich an seine Regeln halten, um ihn so wenig wie möglich zu belasten. So sollen z.B. auch Sie die Einkaufstasche nicht auf den Tisch stellen, ohne sie abgewischt zu haben. Setzen Sie hier Grenzen. Lassen Sie sich nicht endlos in das System hineinziehen. Wenn immer neue Vorsichtsmaßnahmen von Ihnen verlangt werden, sagen Sie klipp und klar: Das tue ich nicht! Und halten Sie sich daran.
  • Das mag grausam klingen, aber vergessen Sie nicht, dass der Kranke die Grenzen von außen spüren muss, um eine Motivation zur Veränderung zu entwickeln. Nur wenn sein Leidensdruck groß genug ist, entscheidet er sich zu einer notwendigen Therapie.
  • Diskutieren Sie nicht mit ihm über Ihre Entscheidung und lassen Sie nicht mit sich handeln. Wenn es zu Gefühlsausbrüchen kommt, so versuchen Sie ruhig zu bleiben und äußern Sie Ihr Mitgefühl. In der Sache aber bleiben Sie hart.
  • Verfallen Sie nicht in die Sprachen des Kranken. Fangen Sie nicht auch an, von Schimmelpilz an der Türklinke zu sprechen oder vom bösen Nachbarn. Sie sagen einfach: "Die Türklinke, vor der du Angst hast ..." oder  "Der Nachbar, den du für eine böse Figur hältst ..."
  • Geben Sie dem Kranken nie das Gefühl, dass Sie ihn "verraten", etwa dadurch, dass Sie ohne sein Wissen mit jemand anderem über seinen Zwang sprechen.
  • Bei allem, wobei der Zwang keine oder nur eine geringe Rolle spielt, sollten Sie mit dem Kranken ganz normal umgehen. Helfen Sie ihm dabei, nicht den Anschluss an das Leben zu verlieren.
  • Sie können nicht die Rolle des Therapeuten übernehmen. Drängen Sie darauf, dass er Hilfe in einer psychosomatischen Klinik in Anspruch nimmt.

Eine ambulante Therapie ist bei Zwängen nicht erfolgreich.

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