Zwangshandlungen und Zwangsgedanken - was ist das?

© Autorin: Dr. Doris Wolf Psychotherapeutin

Gerade ist hinter Frau K. die Haustür ins Schloss gefallen, als sie voller Panik wieder aufschließt und die Treppen hinaufstürmt. Ist der Herd auch wirklich abgedreht, der Stecker des Föns aus der Steckdose gezogen?

Sie muss es einfach nochmals überprüfen, obwohl sie diese Zeremonie heute schon dreimal hinter sich gebracht hat. Es wird immer schlimmer.

Anfangs genügte es, einmal zu kontrollieren. Jetzt kommt sie erst zur Ruhe, wenn sie viermal in die Wohnung zurückgekehrt ist. Sie braucht immer länger, bis sie morgens im Büro ankommt.

Sie weiß, dass ihr Verhalten nicht normal ist, doch alle Willenskraft reicht nicht aus, den Kontrollzwang zu durchbrechen.

Zweifel quälen sie, eines Tages wirklich verrückt zu werden. Deshalb setzt sie alles daran, ihr merkwürdiges Verhalten vor der Umwelt zu verbergen.

Marotten und ungewöhnliche Eigenheiten kennen die meisten Menschen in irgendeiner Form. Sie glauben z.B. an Glückszahlen, klopfen auf Holz, brauchen eine bestimmte Ordnung am Schreibtisch.

Wann liegt eine Zwangserkrankung vor?

Wir sprechen von einer Zwangserkrankung, wenn die Betroffenen

Betroffene wissen oft nicht, dass es sich bei ihren Zwängen um eine chronische Erkrankung handelt. Deshalb dauert es auch 7 bis 10 Jahre, bis sie therapeutische Hilfe suchen.

Neben Depressionen, Angststörungen und Süchten sind Zwangsneurosen die vierthäufigste psychische Erkrankung.

Man unterscheidet zwischen Zwangsvorstellungen, Zwangsgedanken und Zwangshandlungen

Zwangsgedanken - Zwangsvorstellungen

Neben dem Zwang, etwas kontrollieren zu müssen, treten Zwangsgedanken sehr häufig auf. Herr L. bekommt beispielsweise die Idee nicht mehr aus dem Kopf, dass er seine Frau mit einem Messer umbringen könnte. Er ist ein friedliebender Mensch und deshalb erschreckt ihn diese Vorstellung ganz besonders.

Um seine Frau nicht in Gefahr zu bringen, schließt er die Messer nachts ein, geht Messern und Scheren, so gut es geht, aus dem Weg.

Manche Zwangspatienten leiden unter einer Art magischen Denkens. Sie geben einer Zahl eine magische Bedeutung. Wenn jemand z.B. die Zahl 3 für eine magische Zahl hält, dann muss er bestimmte Zwangshandlungen 3 Mal ausführen, oder ein vielfaches davon: 6 Mal, 9 Mal, 12 Mal, usw. Tut er dies nicht, dann passiert in seinen Augen etwas Schlimmes an diesem Tag.

Eine andere Variante der Zwangsgedanken sind Grübelgedanken. So malt sich Frau J. beispielsweise immer wieder aus, dass sie an Aids erkranken und jämmerlich sterben wird. Herr W. quält die Phantasie, er könnte mit dem Auto jemanden überfahren und es nicht bemerken.

Zwangshandlungen

Zu den Zwangshandlungen zählt z.B. der Ordnungszwang. Betroffene ordnen und sortieren die Dinge in ihrer Umgebung (Bücher, Kleider, Schuhe, Gebrauchsgegenstände) nach genau von ihnen festgelegten Regeln und Prinzipien.

Nicht selten verbingen Zwangspatienten mehrere Stunden am Tag mit dem Sortieren und Ordnen ihrer Kleidung.

Die häufigste Form von Zwangshandlungen ist der Kontrollzwang. Betroffene können z.B. nicht die Wohnung verlassen, ohne mehrmals kontrolliert zu haben, ob der Herd oder das Licht ausgeschaltet ist, ob die Wohnungstür oder der Kühlschrank richtig verschlossen ist, der Wasserhahn abgedreht ist.

Betroffene haben Angst, für einen Fehler, etwa einen Brand, bei dem jemand zu Schaden kommt, verantwortlich gemacht und zur Rechenschaft gezogen zu werden. Deshalb werden die Kontroll- und Ordnungszwänge sehr langsam und gewissenhaft ausgeführt.

Der Kontrollwahn bzw. das Sicherheitsbedürfnis führt bei den Betroffenen dazu, dass sie viele Stunden am Tag mit der Ausübung ihres Zwangsverhaltens beschäftigt sind und so keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen können.

Wenn die Kontrollzwänge auch das Essen und die Zubereitung der Malzeiten betreffen, dann kommt es zu Essstörungen wie etwa Magersucht, da die Betroffenen sich z.B. nur erlauben, 3 Löffel Müsli zu essen - nicht mehr und nicht weniger.

Die zweithäufigste Zwangserkrankung ist der Wasch- und Reinigungszwang. Betroffene verbingen Stunden am Tag damit, sich die Hände zu waschen oder zu duschen.

Sie ekeln sich vor Schmutz und haben panische Angst vor Bakterien und Verunreinigungen. Aufgrund ihrer Zwangsrituale sind sie meist frühberentet, da sie Probleme haben, mit anderen Menschen in Berührung zu kommen.

Mehr zu Waschzwänge und Reinigungszwänge.

Je länger eine Zwangsstörung besteht, umso mehr ufern die Zwangsrituale aus. D.h. sehr oft haben Betroffene mehrere Zwänge, etwa einen Reinigungszwang und einen Kontrollzwang.

Gemeinsam allen Zwangsritualen ist: Die Rituale dienen der Angstabwehr bzw. der Angstreduzierung.

Wer bekommt eine Zwangserkrankung?

Sicher ist, dass die Erfahrungen in der Kindheit eine Rolle spielen. Wenn ein Mensch als Kind hohe Anforderungen an Leistung, Perfektion oder Sauberkeit erfüllen muss und für Fehler nur Kritik und Vorwürfe zu hören bekommt, kann er als Erwachsener sehr verunsichert sein.

Der Betroffene hält dann das gesamte Leben für gefährlich und misstraut den Menschen. In einer Krise, z.B. ausgelöst durch Überforderung, Tod eines nahen Angehörigen oder Trennung des Partners, neigt er dann dazu, sich gegen alle möglichen Gefahren absichern zu wollen.

Die Ordnung und Sicherheit, die er in der Welt vermisst, versucht er durch Rituale und starre Handlungsabläufe zu schaffen.

Ist der Zwang erst einmal entstanden, bleibt er von selbst weiter bestehen.

Betroffene müssen den Zwang ausleben. Wenn sie dies nicht tun, befürchten sie, es komme zu Katastrophen und alles werde schlimmer.

Welche Hilfe gibt es bei Zwangserkrankungen?

Manchmal genügt eine Anleitung zur Selbsthilfe, um den Zustand zu verbessern. Manchmal, abhängig von der Art, Schwere und Langwierigkeit der Zwangserkrankung, ist eine Psychotherapie unerlässlich.

Der wirkungsvollste Therapieansatz in der Behandlung von Zwangshandlungen und Zwangsgedanken ist die Verhaltenstherapie.

Der Betroffene muss lernen, mit den Situationen, die seine Ängste und Zwangshandlungen auslösen, wieder normal umzugehen. Er muss sich unter Anleitung des Therapeuten den Situationen stellen, in denen er sich zwanghaft verhält und sein zwanghaftes Verhalten unterlassen.

Das erfordert Durchhaltevermögen. Manchmal wird die Therapie für eine befristete Zeit auch durch Medikamente unterstützt.

In den meisten Fällen ist eine wirksame Hilfe möglich und der Betroffene kann seine Zeit wieder mit Handlungen verbringen, die ihm Spaß machen.

Selbstoptimierung - der neue Kontrollzwang

Immer mehr Menschen (nicht nur Sportler) kontrollieren regelmäßig ihre Körperfunktionen & Ernährungsgewohnheiten, um angeblich gesünder und länger zu leben.

Mit Hilfe von Apps, Fitnesstrackern und dem Smartphone kontrollieren, überwachen und messen sie ständig, wieviele Kalorien sie verbraucht haben, wieviele Kilometer sie gelaufen sind, wieviele Kalorien sie zu sich nehmen, wie hoch Bludruck und Sauerstoffgehalt des Blutes ist, usw.

Ständig eine Rückmeldung zu brauchen, wie es um das eigene Befinden steht, zeugt von großer innerer Verunsicherung, Angst und mangelndem Vertrauen - wie das bei anderen Kontrollzwängen der Fall ist.

Der neuste Schrei: Die HAPPIfork - eine Gabel, die meldet, wenn man zu hastig isst. Mit ihr soll man kontrollieren, ob man langsam genug isst, weil Essen runterschlingen ja angeblich ungesund ist.

Satte 70 und mehr Euro für so etwas Überflüssiges auszugeben ist Schwachsinn. Genüsslich essen und das Essen genießen, würden völlig ausreichen.

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Dr. Doris Wolf
Doris Wolf (Autorin)

Danke, dass Sie mir Ihre Zeit geschenkt haben. Schon immer hatte ich ein offenes Ohr für die Sorgen anderer. Deshalb war es mein Herzenswunsch, als Psychotherapeutin zu arbeiten. Einen Ausgleich zu meiner beruflichen Tätigkeit finde ich im Nordic Walking, dem Jin Shin Jyutsu und der Kuchenbäckerei.

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