Folge 30: Spieglein, Spieglein an der Wand …

In dieser Beitragsserie berichtet der Psychologe Gert Kowarowsky von den Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

Folge 30: Spieglein, Spieglein an der Wand …
© PAL Verlag

Sich mit anderen zu vergleichen, ist ein wenig so, wie der bange Blick in den Spiegel der berühmt-berüchtigten Königin aus dem Märchen „Schneewittchen“ der Gebrüder Grimm, in dem Schneewittchen zu den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen fliehen musste, weil sie schöner war als ihre Stiefmutter und diese sie dafür hasste und töten wollte. Das Ergebnis des Vergleichens ist nicht nur für die Königin, sondern auch für meine Patient*innen meist niederschmetternd. Ich zeige dir, anhand der Spiegelübung, wie du dich davon befreien kannst.

Ein Grund für Vergleiche

Ja, es stimmt, es ist ein menschliches Grundbedürfnis, dass wir wertgeschätzt werden wollen. Es ist uns ein tiefer Wunsch, von anderen positiv wahrgenommen, bewundert und geliebt zu werden. Wir alle wollen Liebe und keinen Schmerz. So weit, so natürlich und gut.

Zu vielen psychischen Problemen führt es jedoch, wenn du meinst, dich vergleichen zu müssen. „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die oder der Schönste, Tollste, Klügste, Sportlichste, Erfolgreichste, Interessanteste, Wohlhabendste, Redegewandteste, … im ganzen Land?“ Du wirst vermutlich immer jemanden finden, der schöner, klüger, erfolgreicher oder sonst wie besser ist als du. Und du kannst dir daraus mühelos ein Problem stricken und dich unglücklich machen.

Schluss mit dem Vergleichsspiel

Und dennoch fällt es den meisten meiner Patienten unendlich schwer, dieses Vergleichsspiel zu beenden, in dem man letztlich doch immer als Verlierer dasteht.

„Die dahinterliegende falsche Annahme“, so versuche ich den Weg aus der Vergleichsfalle aufzuzeigen, „liegt darin, dass du glaubst, dass nur der Goldmedaillengewinner des Wettbewerbs geliebt werden kann. Doch glaubst du, dass das wirklich so ist?“

Dann beginnen meist intensive, sehr tiefgehende Gespräche darüber, was jedem an sich selbst zu akzeptieren ganz besonders schwerfällt. Und natürlich kommen dabei all die Personen vor dein inneres Auge, die genau das haben, was du an dir vermisst, und all das nicht haben, was du an dir ablehnst. Im nächsten Schritt analysieren wir dann gemeinsam: Sind alle diese Personen, mit denen du dich vergleichst und die dir das innere Spieglein an der Wand als höher, schneller, weiter vor Augen führt, tatsächlich immer glücklich und werden sie tatsächlich von allen geliebt?

Anstatt dich in Vergleichsspielen zu verzehren, entscheide dich lieber, dich grundsätzlich selbst zu akzeptieren. Entscheide dich lieber, grundsätzlich mit dir selbst einverstanden zu sein – bei all dem, was du objektiv betrachtet weniger kannst oder hast als andere.

Die Spiegelübung

In meiner Praxis besteht die Feuertaufe dann in der realen Spiegelübung vor dem Ganzkörperspiegel, mit der Empfehlung, sie noch weitere einundzwanzig Mal zuhause alleine durchzuführen. Und diese Spiegelübung geht so: Du stellst dich vor den Spiegel, betrachtest dich mit dem gleichen wohlwollenden Blick, wie du deine beste Freundin oder deinen besten Freund ansiehst, und sagst dann klar und deutlich:

Spieglein, Spieglein an der Wand, ICH entscheide mich, diese Frau, die gerade vor dir steht, gut zu finden und sie von Herzen zu mögen.

Oder wenn dir ein männliches Spiegelbild entgegenschaut:

Spieglein, Spieglein an der Wand, ICH entscheide mich, diesen Mann, der gerade vor dir steht, gut zu finden und ihn von Herzen zu mögen.

Und dann lass dich wieder ein auf den Fluss des Lebens, mit all dem, was er dir Tag für Tag zu bieten hat. Kümmere dich um die Frage, was dir hier und jetzt Freude bereitet, was dir hier und jetzt guttut. Die Vergleichsfrage, was andere können und haben mögen, erledigt sich – du wirst es merken – nach und nach, ganz natürlich von selbst.

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