Tanze einundzwanzigmal – #114

In diesem Beitrag der Serie "Erfahrungen aus der Praxis" spricht Gert Kowarowsky über die faszinierende Dynamik zwischen Gedanken und Emotionen und zeigt, wie wir neue Wege finden können, um innere Konflikte zu lösen.

Tanze einundzwanzigmal – #114
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

In therapeutischen Gesprächen geht es immer wieder darum, etwas anders sehen zu können, anders über Situationen denken zu können, sich in speziellen Situationen anders fühlen zu können. Eine Situation, die immer wieder auftaucht, ist jedoch häufig so wie bei Anna:

Ich weiß, dass ich nicht jeden Sonntag zu meiner Freundin gehen muss, nur damit sie sich nicht einsam fühlt. Ich weiß, dass ich tun darf, was ich möchte. Ja, das weiß ich. Nur nützt mir das gar nicht! Immer wenn ich mich dazu entschließe, meiner Freundin abzusagen – und es auch tatsächlich tue –, um endlich mal wieder ein Wochenende auf meine eigene Art und Weise zu verbringen, fühle ich mich jedes Mal schlecht danach. Die für mich dadurch gewonnene Zeit kann ich kein bisschen genießen. Das schlechte Gewissen über mein scheinbar egoistisches Verhalten kommt mir dann jedes Mal in die Quere. Mein Kopf sagt mir, dass es richtig ist, was ich tue – doch mein Gefühl sagt mir, dass ich das nicht tun darf.

Wie sich die Kräfte von Gedanken und Gefühlen unterscheiden

Gefühle und Gedanken sind tatsächlich zwei mächtige Kräfte, die unser tägliches Leben beeinflussen. Es ist eher normal statt selten, dass deine Gefühle und Gedanken miteinander in Konflikt geraten. Manchmal sagt dir dein Verstand, was jetzt klug wäre zu tun, während dein Gefühl darüber in Aufruhr gerät.

Diese Ambivalenz kann zu Unsicherheit, Zweifeln und innerer Zerrissenheit führen. Doch warum passiert das überhaupt? Deine Umgebung, Erziehung und kulturellen Normen sowie deine bisherigen Lebenserfahrungen beeinflussen, wie du denkst, wovon du überzeugt bist oder glaubst, so und nicht anders denken zu müssen oder zu dürfen. Doch nicht nur zwei Seelen wohnen, ach, in deiner Brust; da wohnen viele!

In verschiedenen Umgebungen gelten verschiedene Regeln. In verschiedenen Situationen denkst du verschieden. Und wenn du etwas oft genug gedacht hast, führt das zu einer zunehmenden Vertrautheit mit dem, was du denkst. Manche Forschende sind überzeugt, dass es mindestens einen Tanz von einundzwanzig Wiederholungen bedarf, bis neue neuronale Vernetzungen im Gehirn stabil gebildet sind.

So findest du neue Wege, um innere Konflikte zu lösen

Etwas schon sehr viele Male gedacht und getan zu haben – oft sogar einige hundert Male –, etabliert einen tiefsitzenden, auch körperlich vertrauten Schaltkreis. Diesen erfolgreich umzuprogrammieren, bedarf vieler Wiederholungen, mindestens einundzwanzigmal. Etwas Neues, dir durchaus logisch und vernünftig Erscheinendes zu denken, bedeutet deshalb noch lange nicht, dass du es auch locker flockig umsetzen und dich damit wohlfühlen kannst.

In jeder Therapie tritt diese sogenannte kognitiv-emotive Dissonanz auf, die Anna beschrieben hat: Deine Gedanken, deine Kognitionen wissen, dass es richtig ist, aber dein Gefühl, deine Emotionen, deine alten Gewohnheiten hindern dich daran, es auch als richtig zu empfinden.

Deine Gedanken können sehr schnell erkennen, dass, etwas anders zu tun als bisher, angemessen ist. Vor allem, wenn es Gedanken sind, die du danach überprüft hast, ob sie wahr und hilfreich sind. Gedanken, die dir zu mehr Lebensfreude verhelfen. Gedanken, die dir dabei helfen, das zu tun, was dir guttut. Dein Gefühl hinkt da deutlich hinterher. Dein Gefühl mag das alte, vertraute Verhalten gerne beibehalten. Deine neuen, evolutionären Gedanken sind deinem Gefühl fremd. Das alte Gewohnte fühlt sich richtig an, auch wenn es mit Nachteilen für dich verbunden ist. Das neue Unvertraute fühlt sich falsch an, obwohl es dir neue Türen und positive Möglichkeiten erschließen kann.

Wenn du also das nächste Mal nach reiflicher Überlegung zu der Einsicht gekommen bist, dass eine neue Sichtweise, ein neuer Gedanke, eine neue Bewertung einer vorliegenden Situation dir richtiger und angemessener erscheint, erlaube dir, danach zu handeln. Auch wenn es sich „falsch“ anfühlt.

Du kannst sogar noch einen Schritt weiter gehen. Du kannst dir innerlich sagen: „Gerade, weil es sich jetzt so schlecht und falsch anfühlt, wenn ich es anders tue als bisher, zeigt das, dass ich mich jetzt wirklich anders verhalte als bisher."

Dein „schlechtes Gefühl“ wird somit zum grünen Licht, das dir sagt: „Weiter so! Ich bin gerade dabei, es wirklich anders zu machen. Jetzt noch zwanzigmal diesen Tanz des neuen Verhaltens tanzen und das neue, gesunde Verhalten, von dem meine Gedanken ja bereits wissen, dass es richtig ist, wird sich auch auf meiner Gefühlsebene richtig anfühlen.“
Eine weitere Strategie zur Harmonisierung des Konflikts zwischen Gedanken und Gefühlen besteht darin, zunächst diesen Konflikt zu akzeptieren. Das macht dich menschlich. Verurteile dich nicht selbst. Wir alle erleben immer wieder diese Diskrepanz, den Konflikt zwischen neuen, gesunden und hilfreichen Gedanken und dem sich aufbäumenden inneren Gefühl der Gewohnheit, das sich bisweilen wild gebärdet und dich mit schlechtem Gewissen oder irrationalen Ängsten daran hindern möchte, dich anders zu verhalten.

In diesen Momenten geht es nicht darum zu versuchen, dich künstlich gut zu fühlen, sondern dich zu spüren, dich gut zu fühlen: „Ja, jetzt fühlt es sich in mir schlecht an, weil ich mich entschlossen habe, die Situation neu zu bewerten und mich anders zu verhalten. Nämlich so, wie ich es für mich als richtiger erkannt habe als bisher.“

Tanze zwischen deinen Gedanken und Gefühlen

Auch wenn deine Gefühle manchmal intensiver sind als deine Gedanken, weil sie mit körperlichen Reaktionen wie Herzrasen, Schweißausbrüchen und erhöhtem Adrenalinspiegel verbunden sein können, auch wenn Gewohnheiten und automatisierte Denkweisen dir schwer veränderbar erscheinen – nach einundzwanzigmaliger Wiederholung wird wieder Frieden in dir einkehren.
Darum lass dich nicht verwirren, wenn du immer wieder einmal erlebst, dass du in alte Verhaltensweisen zu verfallen drohst, obwohl du rational weißt, dass eine bestimmte Handlung nicht gut für dich ist. Die kognitiv-emotive Dissonanz ist eine ganz normale Erfahrung auf dem Weg zu mehr Lebensfreude.

Genieße den Tanz zwischen deinen neuen hilfreichen Gedanken und deinen anfänglichen widerstreitenden Emotionen. Nach einundzwanzig Tänzen in deinem eigenen Rhythmus werden Herz und Verstand, Emotion und Kognition, alte Gewohnheiten und neue Verhaltensweisen miteinander ihre anfänglichen Konflikte überwunden haben und dein Leben wieder um ein Feld neuer Lebensfreude-Möglichkeiten reicher sein.

Viel Spaß bei deinen einundzwanzig Tänzen wünscht dir

Dein

Gert Kowarowsky

Erfahrungen aus der Praxis …

… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.

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