In diesem Beitrag aus der Reihe "Erfahrungen aus der Praxis" zeigt Gert Kowarowsky, wie es dir gelingt, dich im Alltag mit kleinen Ritualen wieder im Hier und Jetzt zu verankern und mehr persönlichen Freiraum zu erlangen.
Im Alltag erleben wir Zeit normalerweise wie eine Linie: Vergangenheit liegt hinter uns, Zukunft vor uns, und wir bewegen uns Schritt für Schritt darauf zu. Doch wenn man genauer hinsieht, ist diese Vorstellung nur ein Modell. Die Quantenphysik sagt seit Jahrzehnten Ähnliches wie die Mystiker seit Jahrhunderten:
In Wirklichkeit gibt es nur das Jetzt. Vergangenheit existiert nur in unseren Erinnerungen, Zukunft nur in unseren Erwartungen – greifbar ist immer nur der gegenwärtige Moment.
Wenn manche Physikerinnen und Physiker vom "Blockuniversum" sprechen, meinen sie, dass alle Ereignisse – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – gleichzeitig existieren, nur unser Bewusstsein wandert hindurch. Mystiker nennen dieses Erleben das "Ewige Jetzt" – eine Zeitlosigkeit, in der alles schon da ist, nichts verloren geht und nichts erst "kommen muss". Die moderne Physik und die alten Mystiker sagen also in erstaunlicher Übereinstimmung: Es gibt nur die Gegenwart.
Wenn du schon einmal völlig in einer Tätigkeit aufgegangen bist – beim Malen, Musizieren, Wandern oder in einem tiefen Gespräch –, dann kennst du dieses Gefühl: Die Zeit löst sich auf. Minuten oder Stunden verschwinden, und du fühlst dich, als würdest du in einem unendlichen Jetzt leben. Das ist die Erfahrung des Zeitlosen. Die Auflösung der Zeitarmut. Hier bist du frei vom Grübeln über Vergangenes und frei von angstvollen Gedanken, was in der Zukunft wohl Schlimmes auf dich zukommen könnte.
Doch wie gelangen wir dorthin, inmitten eines hektischen Alltags? Der erste Schritt ist einfach – Zeit für dich selbst. Psychologisch betrachtet ist "Me-time" kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Wer sich Auszeiten gönnt, wendet im wahrsten Sinne des Wortes tatsächlich viel Not, reguliert Stress, stärkt das Immunsystem und gewinnt innere Klarheit.
Und das Wunderbare: Deine "Me-time" wirkt immer auch nach außen. Wer mit sich selbst im Reinen ist, kann in Beziehungen präsenter, liebevoller und geduldiger sein. Deshalb gilt:
Me-time ist die Basis für We-Time.
Die Erfahrung zeigt, jede und jeder kann den ganz eigenen Weg finden, um Zeit für sich selbst – Me-time, Jetzt-Zeit – im Alltag zu leben. Dazu vier Fallbeispiele aus meiner Praxis:
Luisa ist berufstätige Mutter von zwei Kindern. Sie kam völlig erschöpft und ausgebrannt zu ihrer ersten Sitzung und berichtete: "Meine Tage sind getaktet von Arbeit, Schule und Haushalt. Ich fühle mich fremdbestimmt und getrieben von all den beruflichen, schulischen und privaten Terminen." Mit den klassischen Zeitmanagement-Regeln konnte sie zuerst nicht so recht warm werden. Eine Wende in ihrer Therapie löste jedoch die Überschrift in einem Zeitschriftenartikel bei ihr aus: "Halt die Welt an – ich will aussteigen!" Diese Überschrift ermutigte sie, sich tatsächlich jeden Morgen die Erlaubnis zu geben auszusteigen. Sie beschloss, sich ab jetzt jeden Morgen zehn Minuten nur für sich selbst zu nehmen. Anfänglich noch mit schlechtem Gewissen, schleicht sich Luisa barfuß in die Küche, bevor die Kinder wach werden. Dort bereitet sie sich – inzwischen mit einem guten Gefühl – eine Tasse Tee und setzt sich damit ans offene Fenster. Ganz gleich, ob sich der Himmel langsam rosa färbt und in der Ferne die Vögel zwitschern oder ob es regnet und alles still ist. Für zehn Minuten gehört die Welt nur ihr. Kein Handy, keine To-do-Liste, kein "Mama, wo ist …?" Nur ihr Atem, der warme Becher in den Händen und das Gefühl: Ich bin hier. Diese wenigen Minuten am frühen Morgen geben ihr eine Ruhe, die sie durch den ganzen Tag trägt – und machen sie fähig, für ihre Kinder wirklich wieder dazusein.
Marc, Mitte vierzig, arbeitet als Ingenieur. Er wiederum findet sein Zeitloses beim Laufen. Wenn er joggt, verschwinden die Gedanken. Der gleichmäßige Rhythmus seiner Schritte, das Rauschen der Bäume und der eigene Atem holen ihn ins Hier und Jetzt. Was als Fitnessroutine zur Stressbewältigung begann, ist für ihn zu einer Art Meditation geworden. Nach diesen Läufen fühlt er sich nicht nur körperlich leichter, sondern auch innerlich klarer und freier – als hätte er das Zeitlose berührt.
Sandra, eine Grafikdesignerin, erlebt das Zeitlose in der Kreativität. Wenn sie malt oder an Illustrationen arbeitet, verliert sie jedes Gefühl für Uhrzeit. Farben, Formen und Linien fließen, als würden sie aus einer tieferen Quelle kommen. Was draußen geschieht, tritt in den Hintergrund. Für sie ist das Zeichnen nicht nur Arbeit, sondern ein Tor in eine andere Dimension – ein Moment, in dem sie ganz im Jetzt lebt.
Christian, ein gestresster Autoverkäufer, hat sich ein kleines Abendritual geschaffen. Bevor er, wenn er abends nachhause kommt, viel zu schnell und viel zu viel "in sich hineinschaufelt" – wie er es nannte –, setzt er sich jetzt erst einmal auf ein Kissen, schließt die Augen und atmet bewusst. Anfangs schweifen seine Gedanken ab: Was morgen zu tun ist, was heute nicht geklappt hat. Doch nach einigen Minuten wird es stiller. Gedanken kommen und gehen, ohne dass er ihnen nachläuft. Er spürt eine Weite, die größer ist als er selbst – ein Gefühl von Verbundenheit, als wäre er Teil eines größeren Ganzen. Diese Viertelstunde schenkt ihm Frieden, den kein äußeres Ereignis geben kann. Für ihn ist es sein neuer abendlicher "Heimweg ins Jetzt".
Diese Beispiele zeigen: Das Jetzt offenbart sich individuell. Es kann still und leise sein wie bei Luisa, kraftvoll und rhythmisch wie bei Marc, kreativ und schöpferisch wie bei Sandra oder spirituell und tief wie bei Christian. Entscheidend ist nicht die Form, sondern die bewusste Hingabe an den Moment.
Das Zeitlose erreichst du nicht durch große Taten, sondern durch kleine, wiederkehrende Schritte. Einige Beispiele:
All das können für dich Brücken sein in die Zeitlosigkeit des Hier und Jetzt. Meine Erfahrungen in der Therapie bestätigen mir immer wieder: Kleine, machbare Rituale wirken nachhaltiger als große Vorsätze. Erlaube dir, im Kleinen zu beginnen. So kannst du am leichtesten nach und nach dein Ziel erreichen, mehr Freiraum für dich in deinem Alltag zu verwirklichen.
Nutze deine Stunden und Tage nicht nur für Pflichten, Pläne und Termine, sondern auch, um dich immer wieder im Jetzt zu verankern. Denn genau hier – in diesem Atemzug, in diesem Blick, in diesem Moment – kannst du das berühren, was keine Uhr messen kann: die Zeitlosigkeit.
Dein Gert Kowarowsky
… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.
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