In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, dass wir die Wirkung unserer Worte bei anderen zwar nicht steuern, aber immer entscheiden können, mit welcher inneren Haltung wir sie kommunizieren.
"Man kann nicht nicht kommunizieren."
Dieser wohl bekannteste Satz Paul Watzlawicks weist auf etwas hin, das weit über das gesprochene Wort hinausgeht: Wir kommunizieren nicht nur dann, wenn wir etwas sagen. Wir kommunizieren auch durch unser Schweigen, durch einen Blick, durch die Art, wie wir jemanden begrüßen oder an ihm vorbeigehen, durch unsere Zugewandtheit und unsere Abwesenheit, durch ein Lächeln, ein Stirnrunzeln, eine Berührung, durch eine nicht beantwortete Nachricht und manchmal sogar dadurch, dass wir etwas gerade nicht tun. Solange Menschen miteinander in Beziehung stehen, hinterlassen sie Spuren ineinander. Und doch wissen wir erstaunlich wenig über diese Spuren.
Manchmal stelle ich mir unser Leben wie ein großes Schachturnier vor, bei dem im Laufe der Jahre unzählige Menschen an unserem Schachbrett vorbeikommen und jeweils einen einzigen Zug machen. Manche dieser Züge sind bereits nach zwei weiteren Zügen bedeutungslos geworden, andere verändern die gesamte Stellung auf dem Brett. Manche eröffnen plötzlich Möglichkeiten, die wir zuvor nicht gesehen haben, andere bringen uns in Bedrängnis. Und gelegentlich macht ein Mensch, der selbst längst vergessen hat, jemals an unserem Brett gestanden zu haben, einen Zug, der Jahre später noch immer darüber mitentscheidet, wie wir weiterspielen. Aber anders als beim Schach können wir die Folgen eines Zuges im menschlichen Miteinander kaum vorausberechnen.
Ein Lehrer sagt zu einem Schüler: "Aus dir könnte einmal etwas werden, wenn du endlich anfangen würdest, an dich zu glauben." Für den Lehrer ist es möglicherweise ein beiläufiger Satz, den er am Abend längst vergessen hat. Für den Schüler kann daraus eine innere Stimme werden, die ihn noch Jahrzehnte später begleitet. Ein Vater sagt zu seiner Tochter: "Sei doch nicht immer so empfindlich." Vielleicht will er sie damit sogar stärken. Bei ihr kann daraus jedoch die Überzeugung entstehen: Mit meinen Gefühlen stimmt etwas nicht. Eine Freundin sagt: "Das würde ich an deiner Stelle niemals machen." Sie möchte vor einer Enttäuschung schützen – und löst möglicherweise gerade dadurch den Trotz aus, es nun erst recht zu tun.
Die Bedeutung einer Botschaft entsteht eben nicht allein in dem Menschen, der sie aussendet. Ihre endgültige Wirkung und Bedeutung bestimmt der Empfänger.
Kein Wort trifft auf unberührten Boden. Es trifft auf einen Menschen mit seiner eigenen Geschichte, seinen Erfahrungen, Hoffnungen, Ängsten, Verletzungen, Erwartungen und Überzeugungen. Was für den einen Ermutigung ist, kann der andere als Druck erleben. Was der eine als hilfreiche Kritik versteht, hört ein anderer als Abwertung. Ein Satz wie "Du kannst mehr, als du glaubst" kann einen Menschen aufrichten und einen anderen verzweifeln lassen, weil er darin hört: So, wie ich jetzt bin, genüge ich noch immer nicht. Deshalb können wir niemals vollständig kontrollieren, was unsere Worte in einem anderen Menschen bewirken.
Milton H. Erickson, einer der großen Wegbereiter der modernen Hypnotherapie, wird der Satz zugeschrieben: "Meine Worte begleiten Sie überallhin."
Therapeutinnen und Therapeuten kennen diese Erfahrung. Jahre nach Therapieende begegnen sie ehemaligen Patientinnen oder Patienten, die berichten: "Damals haben Sie einen Satz gesagt, den habe ich nie vergessen." Nicht selten erinnert sich die Therapeutin oder der Therapeut an diesen Satz überhaupt nicht mehr. Und manchmal geschieht auch das Gegenteil: Wir erinnern uns an einen Gedanken, von dem wir überzeugt waren, dass er für einen Menschen besonders wichtig gewesen sein müsste – und die andere Person weiß überhaupt nicht mehr, wovon wir sprechen.
Das gilt allerdings nicht nur in eine Richtung. Auch die Worte unserer Patientinnen und Klienten begleiten uns mitunter überall hin. Ein Satz aus einer Therapiestunde kann plötzlich beim Spazierengehen wieder auftauchen, am Abend beim Lesen oder Tage später während eines ganz anderen Gespräches. Auch wir Therapierenden sind nicht nur diejenigen, die Spuren hinterlassen. Wir sind ebenso Menschen, in denen andere Menschen Spuren hinterlassen.Genau darin liegt für mich etwas sehr Menschliches: Begegnungen verändern immer beide Seiten.
Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie unberechenbar die Wirkung einer Botschaft sein kann, wird Max Frisch zugeschrieben. Er erzählt sinngemäß, seine Mutter habe ihn mit selbstgestrickten Pullovern geradezu überschüttet. Der Hintergrund sei gewesen, dass eine Handarbeitslehrerin ihr als jungem Mädchen gesagt habe, sie werde wohl niemals stricken lernen. Ausgerechnet die entmutigende Botschaft "Du kannst das nicht" wurde damit möglicherweise zu einer lebenslangen Aufforderung: Ich werde beweisen, dass ich es kann.
Wir erkennen hierin, was uns in der Psychotherapie ebenso wie im täglichen Leben immer wieder begegnet: Menschen setzen Botschaften keineswegs immer so um, wie der Sender es erwartet. Manchmal folgen sie den Botschaften unmittelbar. Manchmal verändern sie sie. Manchmal tun sie genau das Gegenteil. Und manchmal wird aus einem Satz erst Jahre später etwas, das die Person, die ihn ausgesprochen hat, niemals hätte vorhersehen können.
Martin kam mit Anfang 50 zu mir wegen wiederkehrender depressiver Phasen und eines ausgeprägten Gefühls, beruflich und persönlich nie wirklich zu genügen. Objektiv gesehen hatte er vieles erreicht, aber er verglich sich ständig mit anderen. Fast jede Leistung wurde innerlich sofort relativiert: Andere seien erfolgreicher, souveräner, intelligenter, durchsetzungsfähiger. Auf die Frage, wann dieses Gefühl begonnen habe, erzählte er zunächst nichts Dramatisches. Seine Kindheit sei "eigentlich ganz normal" gewesen. Sein Vater sei streng gewesen, aber nicht lieblos.
Erst einige Stunden später fiel ihm ein Satz ein. Als Martin ungefähr zwölf Jahre alt war, hatte er seinem Vater stolz eine Klassenarbeit gezeigt. Er hatte eine Zwei geschrieben und war damit sehr zufrieden gewesen. Der Vater hatte auf die Arbeit geschaut und gesagt: "Wenn du dich richtig angestrengt hättest, wäre es eine Eins geworden." Martin sagte zu mir: "Ich weiß, dass mein Vater das wahrscheinlich gar nicht böse gemeint hat. Er wollte mich vermutlich motivieren. Aber diesen Satz habe ich nie vergessen."
Und tatsächlich war aus diesem einen Satz im Laufe seines Lebens etwas viel Größeres geworden. Nicht weil der Vater ihm diese Bedeutung bewusst gegeben hätte, sondern weil der zwölfjährige Martin ihn mit seiner damaligen Erfahrungswelt aufgenommen hatte. Aus "Wenn du dich richtig angestrengt hättest, wäre es eine Eins geworden" war allmählich geworden: Das, was du erreichst, reicht nicht. Du könntest immer noch besser sein. Freue dich nicht zu früh über dich selbst.
Am bemerkenswerten jedoch war für Martin die Erfahrung, dass wir in der Therapie niemals bei der Erkenntnis des Erlebten stehenbleiben. Denn auch wenn wir nicht bestimmen können, welche Botschaften uns im Laufe unseres Lebens treffen, können wir als Erwachsene überprüfen, welche Bedeutung wir ihnen weiterhin geben wollen.
Martin begann, den Satz seines Vaters neu zu betrachten. War er wirklich die Aussage über seinen Wert, die er jahrzehntelang darin gehört hatte? Oder war er möglicherweise der unbeholfene Ausdruck eines Vaters gewesen, der glaubte, seinen Sohn durch hohe Ansprüche auf das Leben vorbereiten zu müssen?
Die Vergangenheit änderte sich dadurch nicht. Aber ihre Bedeutung begann sich zu verändern. Einige Monate später berichtete Martin von einer beruflichen Präsentation, die gut gelaufen war. Anschließend hatte er sofort die Stellen gesucht, an denen er noch besser hätte sein können. Doch diesmal bemerkte er diesen alten Mechanismus. Er hielt inne und sagte sich: "Es darf auch eine Zwei gut genug sein." Dann lachte er in sich hinein und sagte: "Eigentlich ist das verrückt. Mein Vater hat diesen Satz, den er mir vor vierzig Jahren sagte, wahrscheinlich schon längst vergessen. Ich dagegen, habe ihn vierzig Jahre lang in mir immer wieder wiederholt." Dieser Satz von Martin ist wiederum mir im Gedächtnis geblieben …
Da wir nun wissen, dass unsere Worte Wirkungen entfalten können, die wir weder vollständig vorhersehen noch kontrollieren können, könnte daraus eine neue Sorge entstehen: Muss ich dann nicht von nun an bei jedem Wort aufpassen? Was darf ich überhaupt noch sagen? Was, wenn ich jemanden verletze? Was, wenn ein gut gemeinter Satz völlig falsch verstanden wird? Das wäre jedoch die falsche Konsequenz.
Wir können nicht die Verantwortung für die gesamte innere Verarbeitung eines anderen Menschen übernehmen. Wir können nur Verantwortung für unseren Teil der Kommunikation tragen. Und dieser Teil ist groß genug. Ich kann mich fragen: Ist das, was ich sage, wahrhaftig? Ist es notwendig? Sage ich es möglichst klar? Kann ich es freundlich sagen, ohne meine Wahrheit weichzuspülen? Spreche ich über das Verhalten eines Menschen oder verurteile ich seine Person? Möchte ich verstehen oder lediglich Recht behalten? Spreche ich aus Verbundenheit oder aus dem Wunsch heraus, den anderen kleinzumachen? Wenn ich diese Fragen für mich beantwortet habe, darf ich meine Wahrheit aussprechen. Deutlich und freundlich.
Nicht jede Wahrheit wird der anderen Person gefallen. Nicht jede Grenze, die wir setzen, wird begrüßt werden. Nicht jedes Nein wird verstanden. Und auch eine respektvoll formulierte Kritik kann jemanden verletzen. Daraus folgt nicht automatisch, dass sie falsch war. Wir sind verantwortlich dafür, wie wir mit anderen Menschen umgehen. Wir sind jedoch nur begrenzt dafür verantwortlich, was andere aus unserem Verhalten machen. Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Wer versucht, niemals etwas zu sagen, was einen anderen Menschen verletzen, enttäuschen oder verärgern könnte, wird irgendwann nicht mehr authentisch kommunizieren, sondern beginnen, übermäßig die Reaktionen anderer zu beobachten. Und auch das hinterlässt Spuren – bei den anderen und bei uns selbst.
Wenn du auf dein bisheriges Leben zurückblickst, wirst du dich wahrscheinlich an Menschen erinnern, deren Worte dich bis heute begleiten. Manche haben dir gutgetan, andere haben dich verletzt. Einige Menschen wissen möglicherweise überhaupt nicht, welche Bedeutung sie für dich hatten. Und genauso gibt es Menschen, die sich an etwas erinnern, das du einmal gesagt oder getan hast. Vielleicht an einen Satz, den du längst vergessen hast. Vielleicht an einen Augenblick, in dem du dageblieben bist, obwohl andere gegangen sind. Vielleicht daran, dass du zugehört hast. Vielleicht an eine Kritik, die wehgetan hat und später wichtig wurde. Vielleicht an eine Ermutigung genau in dem Moment, in dem jemand selbst nicht mehr an sich selbst glauben konnte. Wir hinterlassen Spuren, ohne zu wissen, welche davon bleiben. Das kann uns demütig machen. Aber es muss uns nicht ängstlich machen.
Denn unser Leben wäre unerträglich, müssten wir vor jedem Wort berechnen, welche Folgen es in zehn oder zwanzig Jahren haben könnte. Das können wir nicht. Was wir können, ist sehr viel einfacher und zugleich anspruchsvoller: möglichst bewusst mit anderen Menschen umgehen; unsere Wahrheit sagen, ohne sie als die einzig mögliche Wahrheit auszugeben; Grenzen deutlich machen, ohne den anderen abzuwerten; und wo wir Einfluss haben, eher Mut als Angst, eher Verbundenheit als Trennung und eher Achtung als Geringschätzung in die Welt geben. Danach beginnt der Teil, der nicht mehr uns gehört.
Unser Gegenüber nimmt unsere Botschaft mit in seine eigene Welt. Dort begegnet sie seinen Erinnerungen, seinen Erfahrungen und seinen Überzeugungen. Dort wird sie angenommen, verändert, verworfen, missverstanden oder eines Tages auf eine Weise verstanden, die weder er noch wir heute vorhersehen können.
Wie beim Schach hat ein anderer Mensch dann seinen Zug gemacht.
Und wir machen unseren nächsten.
Vielleicht liegt gerade darin eine der schönsten und zugleich herausforderndsten Seiten menschlicher Begegnung:
Wir können niemals genau wissen, welche Spur wir in einem anderen Menschen hinterlassen – aber wir können uns entscheiden, aus welcher inneren Haltung heraus wir sie hinterlassen möchten.
Dein Gert Kowarowsky
… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis. In der Pilotfolge geht es um ein Thema, mit dem er seine Sitzungen meist beginnt: Selbstwahrnehmung.
In seiner Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis. In dieser Folge geht es darum, innere Stabilität und Werte zu entwickeln und zu halten.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis. In dieser Folge geht es um den Anteil des körperlichen auf das seelische Wohlbefinden.
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