In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ ergründet Gert Kowarowsky, wie es gelingt, Verbundenheit aufzubauen und Nähe zuzulassen, ohne sich dabei zu verlieren.
Es gehört zu den schönsten Erfahrungen unseres Daseins, uns mit anderen Menschen, einer Aufgabe, einer Idee oder einfach mit dem Augenblick, den wir gerade erleben, tief verbunden zu fühlen. Ganz in einer Begegnung aufzugehen, sich mit Begeisterung einer Tätigkeit zu widmen oder sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen, kann uns mit tiefer Lebensfreude erfüllen.
Und doch gibt es Menschen, denen genau dieses Sich-Einlassen schwerfällt, weil sie befürchten, durch jede Verbindung zugleich ein Stück ihrer Freiheit zu verlieren. Für sie bedeutet Verbundenheit nicht nur Nähe, Zugehörigkeit und Bereicherung, sondern zugleich Verpflichtung, Abhängigkeit und die Gefahr, irgendwann nicht mehr selbst über ihr eigenes Leben bestimmen zu können, im schlimmsten Fall sogar davon emotional abhängig zu werden.
In meiner therapeutischen Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die sich nach Verbundenheit sehnen und gleichzeitig Angst vor ihr haben. Sie wünschen sich Nähe, halten andere jedoch auf Abstand. Sie möchten dazugehören, scheuen aber die Verpflichtungen, die eine Zugehörigkeit mit sich bringen könnte.
Dahinter steht häufig eine Denkweise, die wir in der kognitiven Verhaltenstherapie als dichotomes Denken bezeichnen: das Denken in Gegensätzen, die scheinbar keine Zwischentöne zulassen. Entweder frei oder gebunden. Entweder unabhängig oder verpflichtet. Entweder ganz oder gar nicht. Immer oder nie. Schwarz oder weiß.
Doch das Leben findet überwiegend zwischen diesen Polen statt. Zwischen Schwarz und Weiß liegen unzählige Schattierungen, zwischen Nähe und Distanz unzählige Möglichkeiten, zwischen Verbindlichkeit und Unabhängigkeit ein weiter Raum persönlicher Gestaltung. Wer diesen Raum für sich entdeckt, gewinnt eine Freiheit zurück, die ihm sein eigenes Denken bislang vorenthalten hat. Es muss nicht immer alles sein. Es darf auch manchmal sein, zeitweise, unter bestimmten Bedingungen, heute so und morgen anders. Und manchmal gilt sogar: Nicht immer – aber immer öfter!
Ich erinnere mich an einen Patienten. Martin war Anfang fünfzig, lebte allein und beschrieb sich selbst als ausgesprochen freiheitsliebenden Menschen. Er hatte viele Interessen, beklagte zugleich aber, dass sein Leben außerhalb der Arbeit immer einsamer geworden sei. Als ihn ein Bekannter einlud, sich einer Wandergruppe anzuschließen, war er zunächst begeistert. Doch kaum hatte er zugesagt, kamen die Bedenken: "Dann erwarten die anderen, dass ich regelmäßig mitgehe. Und wenn ich einmal keine Lust habe? Dann muss ich mich rechtfertigen. Am Ende habe ich wieder eine Verpflichtung am Hals."
Wir untersuchten gemeinsam, was ihn eigentlich so beunruhigte. Nicht das Wandern, nicht die Menschen, nicht einmal die gelegentliche Verpflichtung. Es war die Vorstellung, mit einer Zusage seine Freiheit zu verlieren, jederzeit neu entscheiden zu dürfen. In seiner inneren Welt wurde aus einem freundlichen "Ich komme gerne mit" beinahe unmerklich ein bedrohliches "Jetzt muss ich immer mitkommen".
Ich fragte ihn: "Wer hat eigentlich beschlossen, dass aus einem Ja für diesen Sonntag ein Ja für alle kommenden Sonntage werden muss?" Martin lachte. "Niemand. Außer mir selbst."
Dieser kleine Perspektivwechsel eröffnete ihm eine neue Möglichkeit. Er konnte sich verbinden, ohne sich auszuliefern. Er konnte dazugehören, ohne immer dabei sein zu müssen. Er konnte sich auf Menschen freuen und gleichzeitig seine eigenen Grenzen achten. Einige Wochen später erzählte er mir, wie sehr er die gemeinsamen Wanderungen inzwischen genieße. Nicht weil er seine Freiheit aufgegeben hatte, sondern weil er entdeckt hatte, dass Verbundenheit und Freiheit einander keineswegs ausschließen.
Du kannst verbunden sein, ohne gefesselt zu sein.
Du kannst dich einlassen, ohne dich aufzugeben.
Was für zwischenmenschliche Beziehungen gilt, gilt ebenso für unseren Umgang mit Tätigkeiten, Ideen, Überzeugungen und den vielen Dingen, die unser Leben bereichern können. Wir können uns mit Begeisterung einer Aufgabe widmen, ohne unseren Selbstwert von ihrem Gelingen abhängig zu machen. Wir können eine Überzeugung vertreten, ohne jede andere Meinung als Bedrohung zu erleben. Wir können lieben, ohne besitzen zu wollen, und genießen, ohne vom Genuss abhängig zu werden.
Einige kurze Sätze können helfen, uns diese Unterscheidung immer wieder bewusst zu machen. Ich nenne sie gerne kleine gedankliche Samenkörner, aus denen neue Perspektiven wachsen können:
In der Welt sein – ohne von der Welt vereinnahmt zu werden.
Ein Werk mit Hingabe vollbringen – und es anschließend loslassen können.
Konsumieren – ohne vom Konsum konsumiert zu werden.
Essen genießen – ohne zum Gefangenen des Essens zu werden.
Lieben – ohne besitzen zu müssen.
Verbunden sein – ohne sich selbst zu verlieren.
Allen diesen Gedanken liegt dieselbe Erkenntnis zugrunde: Nicht die Verbindung an sich macht uns unfrei, sondern häufig die Art, wie wir innerlich mit ihr umgehen. Wenn aus einem Wunsch ein unbedingtes Muss wird, aus einer Vorliebe eine unverzichtbare Notwendigkeit, aus einer Überzeugung eine unumstößliche Wahrheit und aus einer Beziehung die einzige Quelle unseres Selbstwertgefühls, dann kann aus bereichernder Verbundenheit tatsächlich belastende Gebundenheit, ja emotionale Abhängigkeit entstehen.
Ziel der Verhaltenstherapie ist es deshalb nicht, Menschen von ihren Wünschen, Beziehungen oder Überzeugungen zu befreien, sondern ihnen dabei zu helfen, flexibler mit ihnen umzugehen. Nicht die Abschaffung von Bindungen ist das Ziel, sondern die Erweiterung unserer Wahlmöglichkeiten. Wir dürfen uns für etwas entscheiden, ohne uns für immer darauf festlegen zu müssen. Wir dürfen etwas leidenschaftlich wollen, ohne daran zu zerbrechen, wenn wir es nicht bekommen. Und wir dürfen uns ganz auf das einlassen, was wir gerade tun, ohne uns durch dessen Ergebnis definieren zu lassen.
In der Bhagavad Gita, einem der bedeutenden Texte der indischen Weisheitstradition, findet sich ein Satz, der diese Haltung in bemerkenswerter Klarheit zum Ausdruck bringt:
Yogastha Kuru Karmani.
Verankert im Sein - handle.
Für mich liegt in diesen wenigen Worten eine tiefe Weisheit. Handle, engagiere dich, liebe, arbeite, gestalte, genieße, übernimm Verantwortung und sei mit ganzem Herzen bei dem, was du tust. Doch verliere darüber nicht die Verbindung zu dir selbst. Lass deine innere Ruhe nicht vollständig davon abhängig werden, ob alles gelingt, ob andere dich anerkennen oder ob das Leben sich gerade nach deinen Vorstellungen entwickelt.
Du hast Gedanken - aber du bist mehr als deine Gedanken.
Du hast Gefühle - aber du bist mehr als deine Gefühle.
Du handelst - aber du bist mehr als deine Handlungen und deren Ergebnisse.
Du erlebst Erfolge und Misserfolge, Zustimmung und Ablehnung, Freude und Schmerz. Doch keines dieser Erlebnisse beschreibt dich in deiner Ganzheit. Du bist nicht dein Erfolg und nicht dein Scheitern. Du bist nicht deine Angst und nicht dein Ärger. Du bist der Mensch, der all dies erlebt und der lernen kann, sich dazu immer wieder neu in Beziehung zu setzen.
Je tiefer du in dir selbst gegründet bist, je mehr du in dir zu ruhen vermagst, desto freier kannst du dich auf das einlassen, was dir auf deinem Lebensweg begegnet. Du musst nicht ständig Abstand halten, um unabhängig zu bleiben, und du musst dich nicht vollständig hingeben, um wirklich verbunden zu sein. Du kannst Nähe zulassen und dennoch bei dir bleiben. Du kannst dich engagieren und dennoch Grenzen setzen. Du kannst dich dem Strom des Lebens anvertrauen, ohne deine Selbstverantwortung aus der Hand zu geben.
Wie aber gelingt es uns, diese innere Freiheit im Alltag zu bewahren? Ein hilfreicher Weg führt über die bewusste Rückverbindung mit uns selbst. Über kleine Zeiten der Stille, in denen wir nichts leisten, nichts erreichen, niemandem etwas beweisen und keine Erwartungen erfüllen müssen. Zeiten, in denen wir einfach da sein dürfen.
Gerade dann, wenn du glaubst, keine Zeit dafür zu haben, kann es besonders wertvoll sein, dir diese Zeit zu nehmen. Einige Minuten am Morgen, bevor du dich den Anforderungen des Tages zuwendest, und einige Minuten am Abend, bevor du dich dem Schlaf überlässt.
Setz dich bequem hin. Schließe, wenn du magst, die Augen. Spüre deinen Atem, ohne ihn verändern zu müssen. Nimm wahr, welche Gedanken kommen und gehen, welche Gefühle gerade da sind und welche Empfindungen du in deinem Körper bemerkst. Du musst nichts festhalten, nichts verdrängen und nichts verändern. Erlaube dir, für einige Augenblicke einfach nur wahrzunehmen:
Ich bin hier. Ich bin da. Ich bin mit mir verbunden.
Und wenn du bemerkst, dass deine Gedanken bereits wieder beim nächsten Termin, einer unerledigten Aufgabe oder einer schwierigen Begegnung angekommen sind, dann kehre einfach zu deinem Atem zurück. Nicht als Kampf gegen deine Gedanken, sondern ganz mühelos, als liebevolle Erinnerung daran, dass du mehr bist als das, was gerade durch deinen Kopf geht.
Aus dieser inneren Verbundenheit heraus kannst du dich anschließend wieder dem Leben zuwenden, den Menschen, denen du begegnest, den Aufgaben, die auf dich warten, und den Freuden, die dieser Tag für dich bereithält.
Genieße deine Lebensfreude. Lass dich berühren von Begegnungen, von Musik, von der Natur, von liebevollen Worten und den kleinen Kostbarkeiten des Alltags. Gehe in deinen Tätigkeiten auf, erlebe die Freude des Flows, in dem du ganz bei dem bist, was du gerade tust. Erlaube dir, mit ganzem Herzen Ja zu sagen zu dem, was dir wichtig ist, und ebenso liebevoll Nein zu sagen zu dem, was dir nicht guttut.
Denn innere Freiheit bedeutet nicht, unverbunden durchs Leben zu gehen. Sie bedeutet, dich verbinden zu können, ohne dich dabei selbst zu verlieren.
Je mehr du mit dir selbst verbunden bist, desto freier kannst du dich mit allem anderen verbinden.
Fließe im Strom des Lebens. Sei offen für das, was dir begegnet. Lass dich ein auf das, was du erlebst, und erinnere dich immer wieder daran, dass du mitten in aller Aktivität zu dir selbst zurückkehren kannst.
Yogastha Kuru Karmani.
Verankert im Sein – handle.
In Verbundenheit mit allem – und in der Freiheit, ganz du selbst zu sein.
Dein Gert Kowarowsky
… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.
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