Handeln – Erleben – Sein: Ich bin – #175

In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, dass wir oft das, was uns passiert und was wir tun, mit unserem Sein verwechseln. Und dass unser Wert nicht von unserem Handeln abhängt.

Handeln – Erleben – Sein: Ich bin – #175
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

Ich bin.

Zwei kleine Worte. Und doch beschreiben sie etwas ganz anderes als die Sätze: "Ich habe etwas getan", "Mir ist etwas passiert", "Ich habe etwas verloren", "Ich habe einen Fehler gemacht", "Ich hatte Glück" oder "Ich hatte Pech".

Diesen Unterschied sehr genau wahrzunehmen, lohnt sich. Denn wir Menschen neigen dazu, was wir tun und was uns widerfährt, irgendwann mit dem zu verwechseln, was wir sind. Aus „Ich habe einen Fehler gemacht“ wird dann "Ich bin eine Versagerin oder ein Versager". Aus "Diese Beziehung ist gescheitert" wird "Ich bin beziehungsunfähig". Aus "Ich bin dreimal nicht genommen worden" wird "Mich will keiner". Aus "In meinem Leben ist vieles schiefgegangen" wird "Ich bin ein Unglücksrabe".

Und umgekehrt machen wir es genauso: Wer mehrmals Glück hatte, hält sich irgendwann für einen Glückspilz, wer beruflich erfolgreich ist, für einen erfolgreichen Menschen, wer bewundert wird, für einen wertvollen Menschen. Unbemerkt überschreiten wir dabei jedes Mal eine Grenze: Aus einem Ereignis haben wir eine Identität gemacht.

Handeln, Erleben und Sein sind drei verschiedene Ebenen

Doch Handeln, Erleben und Sein sind drei verschiedene Ebenen. Ich kann etwas Kluges tun, ohne deshalb "ein kluger Mensch" sein zu müssen. Ich kann etwas ausgesprochen Dummes tun, ohne deshalb "ein Dummkopf" zu sein. Ich kann mutig handeln und mich morgen ängstlich verhalten. Ich kann großzügig sein und an einem anderen Tag kleinlich. Ich kann eine Prüfung bestehen und eine andere nicht. Ich kann verlassen werden, krank werden, einen Arbeitsplatz verlieren, einen Menschen enttäuschen, eine falsche Entscheidung treffen, eine große Chance verpassen – all das kann in meinem Leben geschehen, und manches davon kann sehr schmerzhaft sein. Aber nichts davon beantwortet die Frage, wer oder was ich als Mensch bin.

In der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie wird dieser Unterschied mit großer Konsequenz herausgearbeitet. Wir können Handlungen nach bestimmten Kriterien bewerten: Eine Entscheidung kann zweckmäßig oder unzweckmäßig sein, hilfreich oder schädlich, verantwortungsvoll oder verantwortungslos. Wir können auch Fähigkeiten beurteilen: Jemand kann hervorragend Klavier spielen und schlecht Auto fahren, gut zuhören und schlecht mit Geld umgehen, in seinem Beruf sehr kompetent und in Liebesbeziehungen ausgesprochen unbeholfen sein. Das alles sind beschreibbare Eigenschaften, Fähigkeiten und Verhaltensweisen. Problematisch wird es, wenn wir aus der Bewertung eines Teilaspektes eine Bewertung des Menschen als Ganzes machen.

Nach welchem Maßstab überhaupt sollte der Wert eines ganzen Menschen berechnet werden? Nehmen wir an, du hast heute zehn Dinge getan. Sechs davon waren hilfreich, zwei belanglos und zwei ausgesprochen ungeschickt. Bist du dann zu sechzig Prozent ein guter Mensch, zu zwanzig Prozent ein schlechter und zu zwanzig Prozent weder noch? Und wenn du morgen neun Dinge gut machst, steigt dann dein menschlicher Gesamtwert? Was geschieht mit deiner Bewertung, wenn ein anderer Mensch dieselben Handlungen ganz anders beurteilt? Und welche deiner vielen tausend Handlungen in deinem bisherigen Leben sollen überhaupt in diese Rechnung eingehen?

Schon an diesen einfachen Fragen wird deutlich, wie unsinnig der Versuch ist, aus einzelnen Handlungen einen Gesamtwert der Person zu errechnen. Ein Mensch ist kein Schulaufsatz, unter den am Ende eine Note geschrieben werden kann.

Deine Handlungen können bewertet werden. Du als ganzer Mensch nicht.

Das bedeutet keineswegs, Verantwortung abzulehnen. Im Gegenteil, gerade wenn ich mich nicht als ganzen Menschen verurteilen muss, kann ich viel genauer hinschauen, wo ich tatsächlich etwas falsch gemacht habe. "Ich habe mich gestern meinem Partner gegenüber unfair verhalten" ist eine konkrete Feststellung. Daraus kann etwas entstehen: Ich kann mich entschuldigen; ich kann verstehen, weshalb ich so reagiert habe; ich kann etwas wiedergutmachen und beim nächsten Mal anders handeln. Der Satz"„Ich bin ein schlechter Partner" dagegen ist keine hilfreiche Analyse, sondern ein Urteil über meine Person. Es sagt mir nicht, was ich verändern soll, sondern erklärt gewissermaßen mein gesamtes Ich zum Problem.

Darin liegt eine der verhängnisvollsten Wirkungen negativer Selbstkonzepte. Sie sehen aus wie Selbsterkenntnis, sind aber häufig das Gegenteil davon. Wer sagt: "Ich bin eben schüchtern", beschreibt nicht nur sein bisheriges Verhalten, sondern schreibt zugleich unbewusst das Drehbuch für seine Zukunft. Wer sagt: "Ich bin unsportlich", wird seltener ausprobieren, welche Form von Bewegung ihm liegen könnte. Wer sich für "beziehungsunfähig" hält, wird jedes Problem in einer Beziehung als neuen Beweis für diese vermeintliche Wahrheit interpretieren. Wer glaubt, ein Unglücksrabe zu sein, sammelt aufmerksam jedes Missgeschick und übersieht die vielen Situationen, in denen das Leben freundlich mit ihm umgegangen ist.

Selbstkonzepte schaffen Ordnung. Genau deshalb sind sie so verführerisch. "So bin ich eben" beendet das Nachdenken. Es gibt uns eine scheinbar klare Antwort auf eine unübersichtliche Wirklichkeit. Aber der Preis für diese Ordnung kann hoch sein, denn aus einer Beschreibung der Vergangenheit wird schnell eine Begrenzung der Zukunft.

Ich bin kein Unglücksrabe – eine Fallgeschichte

Thomas, 52 Jahre alt, hat in den vergangenen Jahren einiges erlebt. Eine langjährige Beziehung ging auseinander, bei einer betrieblichen Umstrukturierung verlor er seine Stelle, und als er sich nach Monaten wieder beruflich gefangen hatte, musste er wegen einer Erkrankung erneut längere Zeit pausieren. Als schließlich auch noch eine geplante Reise wegen eines technischen Problems am Flughafen ausfiel, sagte er zu einem Freund: "Siehst du, das ist mein Leben! Ich bin einfach ein Unglücksrabe." Dieser Satz fühlte sich für Thomas wahr an, weil er mehrere reale Ereignisse zusammenfasste. Nichts davon war erfunden. Die Trennung hatte stattgefunden. Die Arbeitsstelle war verloren gegangen. Die Erkrankung war real. Der Urlaub war geplatzt. Nur die Schlussfolgerung war falsch!

Thomas ist kein Unglücksrabe. Thomas ist ein Mensch, in dessen Leben innerhalb einiger Jahre mehrere unerfreuliche Ereignisse stattgefunden hatten. Dies klingt zunächst wie eine sprachliche Spitzfindigkeit. Psychologisch gesehen macht es einen gewaltigen Unterschied! "Ich bin ein Unglücksrabe" macht aus vergangenen Ereignissen eine Eigenschaft meiner Person und aus dieser Eigenschaft eine Vorhersage über meine Zukunft. "Ich habe in den vergangenen Jahren mehrfach Pech gehabt" lässt dagegen alles offen. Der zweite Satz beschreibt Tatsachen, ohne daraus eine Identität zu konstruieren.

Im Gespräch begann Thomas deshalb, seine Sätze genauer zu formulieren. Aus "Ich bin gescheitert" wurde: "Meine Beziehung ist gescheitert." Aus "Ich bin beruflich ein Verlierer" wurde "Ich habe meine damalige Stelle verloren". Aus "Bei mir geht immer alles schief" wurde "In den vergangenen Jahren sind mehrere Dinge anders gelaufen, als ich es mir gewünscht habe". An den Ereignissen hatte sich dadurch nichts geändert. Und doch veränderte sich etwas Entscheidendes: Thomas löste sein Selbstverständnis, sein Sein wieder von seiner Geschichte.

Und plötzlich konnte er auch wieder sehen, was in seinem Leben ebenfalls geschehen war. Menschen hatten zu ihm gehalten. Er hatte nach dem Verlust seiner Stelle wieder Arbeit gefunden. Er hatte seine Erkrankung bewältigt. Er hatte schwierige Monate ausgehalten. Er hatte gelacht, Freundschaften gepflegt, anderen geholfen, Fehler gemacht, daraus gelernt, manchmal Glück und manchmal Pech gehabt. Er ist kein Unglücksrabe. Er ist Thomas.

Du bist auch nicht dein Erfolg

Interessanterweise gilt dasselbe für die scheinbar angenehmen Selbstbewertungen. Zu denken "Ich bin erfolgreich", "Ich bin attraktiv", "Ich bin intelligent", "Ich bin beliebt", fühlt sich zunächst gut an. Doch auch positive Etiketten können zu einem Gefängnis werden, denn sobald mein Selbstwert davon abhängt, erfolgreich zu sein, darf ich nicht mehr scheitern. Wenn ich intelligent bin, wird jeder Fehler zur Bedrohung. Wenn ich beliebt bin, wird Ablehnung gefährlich. Wenn ich stark bin, darf ich keine Schwäche zeigen. Auch das positive Selbstkonzept verlangt ständig nach Beweisen.

Wie befreiend ist dagegen der Satz: "Ich habe Erfolg gehabt." Oder: "Ich habe diese Aufgabe gut gelöst." Oder: "Viele Menschen mögen mich." Dann darf der nächste Tag anders werden, ohne dass gleich meine ganze Person ins Wanken gerät.

Ich habe in meinem Leben Glück gehabt – und Pech.
Ich habe klug gehandelt – und töricht.
Ich war mutig – und ängstlich.
Ich habe Menschen gutgetan – und Menschen verletzt.
Ich habe Entscheidungen getroffen, auf die ich heute noch stolz bin, und Entscheidungen, die ich heute anders treffen würde. 
All das gehört zu meiner Geschichte, aber nichts davon allein ist mein Sein.

So bin ich eben: Bist du das wirklich?

Achte einmal darauf, wie häufig du im Alltag das kleine Wort bin benutzt, wenn  eigentlich habe, tue, erlebe oder verhalte mich genauer wäre.

Ein wichtiger Teil jeder kognitiven Verhaltenstherapie besteht darin, die eigenen ungünstigen Selbstgespräche zu erkennen und zu verändern.

Anstatt zu dir selbst zu sagen: "Ich bin ungeschickt", spüre in dich hinein, wie es sich anfühlt, wenn du den therapeutischen Impuls umsetzt und dir stattdessen sagst: "Wie wäre es mit: Dabei habe ich mich ungeschickt verhalten."
Anstatt: "Ich bin eine Versagerin oder ein Versager." – "Bei dieser Aufgabe habe ich mein Ziel nicht erreicht."
Anstatt: "Ich bin unbeliebt." – "Dieser Mensch mag mich nicht."
Anstatt: "Ich bin schwach." – "In dieser Situation habe ich nachgegeben, obwohl ich eigentlich nein sagen wollte."
Anstatt: "Ich bin ängstlich." – "In bestimmten Situationen erlebe ich starke Angst."

Plötzlich wird aus einem scheinbar unveränderlichen Sein ein beobachtbares Geschehen. Und was beobachtbar ist, kann häufig auch verändert werden.

Selbstkonzepte scheinen auf den ersten Blick hilfreich zu sein. Um uns in der Welt zu orientieren, brauchen wir eine gewisse Vorstellung von uns selbst. Doch sobald wir diese Vorstellung mit unserem Sein verwechseln, wird aus Orientierung Begrenzung. Dann versuchen wir nicht mehr herauszufinden, wie wir uns heute verhalten können, sondern erfüllen die Erwartungen der Person, für die wir uns halten. Das Leben aber ist größer als jedes Selbstkonzept.

Du bist nicht die Schublade, in die andere dich gesteckt haben. Und du bist auch nicht die Schublade, in die du dich selbst gesteckt hast. Du bist nicht deine Diagnose. Du bist nicht dein Beruf. Du bist nicht dein Kontostand. Du bist nicht deine Erfolge. Du bist nicht deine Niederlagen. Du bist nicht die schlimmste Sache, die du jemals getan hast. Und du bist auch nicht das Schlimmste, was dir jemals widerfahren ist. All dies gehört zu deinem Leben, und manches davon prägt dich tief. Aber Prägung ist nicht Identität.

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen den Sätzen "Das ist mir passiert" und "Das bin ich". Der erste Satz lässt Raum, der zweite schließt ihn. Verwechsle deshalb die Ereignisse deines Lebens nicht mit deinem Sein.

Du bist nicht das, was dir passiert ist.
Du bist nicht die Summe deiner Fehler.
Du bist nicht die Summe deiner Erfolge. 
Du bist auch nicht das Bild, das andere von dir haben – 
und nicht einmal das Bild, das du dir selbst von dir gemacht hast.

Deine Handlungen dürfen beurteilt werden. Du darfst sie prüfen, verändern, bereuen, wiederholen oder unterlassen. 
Die Ereignisse deines Lebens darfst du bedauern oder feiern, betrauern oder genießen.

Doch über allem steht, was keiner Schulnote bedarf und keines Etiketts:
ICH BIN.

Dein Gert Kowarowsky

Erfahrungen aus der Praxis ...

… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.

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 Handeln, Erleben und Sein sind drei verschiedene Ebenen  
 Deine Handlungen können bewertet werden. Du als ganzer Mensch nicht.  
 Ich bin kein Unglücksrabe – eine Fallgeschichte  
 Du bist auch nicht dein Erfolg  
 So bin ich eben: Bist du das wirklich?  
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