In diesem Beitrag aus der Reihe "Erfahrungen aus der Praxis" beschäftigt sich Gert Kowarowsky mit der dunklen und hellen Seite ein und desselben Gefühls: Neid. Die gute Nachricht: Du hast die Wahl.
Ganz selten kommen Menschen zu mir, die angeben, unter ihren Neidgefühlen zu leiden. Und dennoch berichten sie im Lauf der Therapiegespräche immer wieder von den giftigen Gefühlen, die sie erleben, wenn andere etwas haben oder können, was sie selbst nicht haben oder können.
Die dunkle Seite deines Neides kann dich krank machen. Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Verdauungsprobleme – ja, wenn dir die Galle überläuft, kannst du buchstäblich grün und gelb werden vor Neid. Die dunkle Seite kann Freundschaften zerstören und die negativsten Verhaltensweisen in dir hervorbringen.
Als Todsünde im Mittelalter bildlich dargestellt, kommt der Neid in dir als züngelnde Schlange oder als Skorpion daher, mit Giftwerkzeugen, die sich dem anderen Menschen, aber auch dir selbst, ins Fleisch bohren können. Du kannst dich quälen, buchstäblich verzehren vor Neid.
Das ist die dunkle Seite, von der selbst die Götter des Altertums nicht frei waren. Feindschaft, Streit, Unfrieden herrschte immer dann unter ihnen, wenn eine andere Gottheit mehr Ruhm, mehr Schönheit, mehr Zauberkräfte zu haben schien. Ganz besonders neidisch wurden sie aber, wenn jemand, der unter ihnen stand – zum Beispiel ein Mensch – Gaben erlangt hatte, die vermeintlich nur ihnen alleine zustanden.
Das Sonderbare an der dunklen Seite des Neids ist, dass sie sich niemand gerne eingestehen mag. Es ist erstaunlich zu beobachten, dass es zu allen Zeiten leichter, gewesen zu sein schien, Mord und Totschlag oder Diebstahl zuzugeben, als sich und anderen gegenüber einzugestehen, neidisch zu sein.
Neid zuzugeben bedeutet ja indirekt zuzugeben, dass du dich unterlegen und minderwertig fühlst, dass du nicht im Reinen bist mit dir selbst und deinem Leben.
Doch auch für den Neid gilt: Alles hat zwei Seiten. Es gibt auch eine helle Seite des Neids. Neid kann nämlich auch ein Ausdruck von Bewunderung für besondere Eigenschaften und Fähigkeiten eines anderen Menschen sein. So möchtest du auch sein, das möchtest du auch haben, das möchtest du auch können!
Du kannst dich also von deinem Neid inspirieren und motivieren lassen. Diese helle Seite des Neids kann dich aktivieren. Neid kann der Ansporn sein, endlich wirklich regelmäßig zu trainieren oder das Gitarrenspiel zu üben, wirklich konsequent zu lernen, wirklich bewusster zu essen und deinem Körper wirklich ausreichend gesundes Wasser zu geben, wirklich endlich das zu tun, was du schon seit langem vor dir herschiebst.
Aus der hellen Seite des Neids heraus kann, nachdem dir klar geworden ist, was du gerne in dein Leben einladen möchtest, eine ganze Liste mit Aktivitäten entstehen: Orte, die du besuchen möchtest, Lebensräume, die du neu gestalten möchtest, Dinge des Alltags, die überflüssig geworden sind und die du endlich entsorgen möchtest oder im Gegenteil dir zulegen möchtest. Die helle Seite des Neids kann dich wach machen für die tiefen Wünsche in dir nach Objekten aus der Welt der Kunst und des Schmucks. Sie kann dir aufzeigen, welche Fähigkeiten und Kenntnisse du erlangen möchtest, welche Kontakte und tiefe Verbindungen zu anderen Menschen dir wichtig wären. Die helle Seite des Neids kann dir auch zeigen, dass du in deinem Leben mehr Zeit und Raum in deinem Leben schaffen möchtest für Tiere, Pflanzen oder andere bisher zu kurz gekommenen Aktivitäten.
Dennoch wird es vermutlich auch Dinge geben, die du wohl nicht wirst erreichen können. Und diese Einsicht kann dich zur tiefsten und hellsten Seite des Neids bringen:
Viele Philosophen und Mystiker aller Weltreligionen haben den Weg zur Überwindung der Missgunst, des giftigen Neids darin gesehen, sich des relativen Wertes der relativen Aspekte des Lebens bewusst zu werden und daraus Gelassenheit zu entwickeln: Es einerseits so sein lassen zu können, wie es hier und jetzt gerade ist, und andererseits im Eintauchen in die tiefsten Ebenen des Lebens ein hohes Gefühl von Erfüllung zu erfahren, das seinen Urgrund im Sein hat, nicht im Haben.
Offensichtlich gibt es also verschiedene Wege, mit der Erfahrung von Neid umzugehen:
Der dunklen Seite im freien Lauf ganze Orgien feiern zu lassen, ohne dir dabei klar zu sein, dass du sie in dir trägst. Quälende giftige Gedanken in dir zu nähren wie: "Oh, warum der andere, warum nicht ich?" Dich mit Wellen der Missgunst selbst zu schädigen oder sogar zu wünschen, der oder die andere möge Schaden erleiden und dadurch das von dir Geneidete verlieren.
Oder aber mit der hellen Seite des Neids dein Leben zu bereichern: Dir zu erlauben hinzuschauen, worauf du neidisch bist. Dir bewusst zu werden, worauf sich dein Glückseligkeitssensor richtet, was du gerne in dein Leben einladen möchtest und es durch deine Handlungen Realität werden zu lassen – ganz in Übereinstimmung mit dem Höchsten in dir, durch jeden Impuls von Missgunst Gutes entstehen zu lassen, für dich und diesen Planeten.
Dankbarkeit und Wertschätzung für das, was du bereits hast und was dein Leben bereichert, helfen dir zusätzlich dabei, mehr und mehr Lebensfreude zu empfinden.
Und es gibt den dritten Weg: Frei von Missgunst zu sein ist immer wieder möglich. Neben der hellen Seite des Neids kannst du auch den friedvollen Zustand der Neidlosigkeit in dir aufspüren. Dies gelingt dir umso besser, je mehr du dir regelmäßig Zeit nimmst, in dir, mit dir, bei dir zu SEIN. Gönne dir kleine tägliche Rituale oder Übungen, die dir helfen, Stille und Gelassenheit in dir zu spüren.
Und wenn dich dann und wann doch wieder einmal eine Welle der dunklen Seite des Neids überrollt, erinnere dich an Johann Wolfgang von Goethe, der schrieb:
"Gegen große Vorzüge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe."
Bleib bunt mit allen Farben des Lebens.
Dein
Gert Kowarowsky
… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.
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