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Selbstachtung und Selbstvertrauen stärken

Kapitel 4: Gefühle verstehen, Probleme bewältigen

© Autor: Dr. Rolf Merkle, Psychotherapeut

Es gibt etwas in Ihrem Leben, das Sie nicht kaufen können und das Ihnen kein anderer Mensch geben kann. Es ist das Wertvollste, das Sie besitzen können.

Die Rede ist von einer gesunden Selbstachtung und einem gesunden Selbstvertrauen, das sich automatisch einstellt, wenn Sie sich akzeptieren.

Michaela ist 22 Jahre alt. Sie kam in Therapie wegen verschiedenster Probleme: starken Depressionen, Hemmungen und Unsicherheiten, Erröten.

Begonnen hatten ihre Probleme im Alter von 14 Jahren. Michaela war damals mit ihrem Äußeren sehr unzufrieden und hatte Hemmungen, sich mit Gleichaltrigen zu treffen.

Später traute sie sich nicht, mit Männern Kontakt aufzunehmen und mit diesen ein Gespräch zu führen. Zeigte ein Mann Interesse an ihr, dann verhielt sie sich abweisend und unnahbar.

Sie tat das nicht, weil sie sich keinen Kontakt wünschte. Nein, sie wünschte sich sehnlichst eine Partnerschaft.

Sie hatte jedoch Angst, sich mit Männern enger einzulassen, weil sie befürchtete, diese könnten erkennen, dass sie der minderwertige und unattraktive Mensch ist, für den sie sich selbst hielt.

Vor sich selbst rechtfertigte sie ihre abweisende Haltung damit, dass sie sich sagte: »Der kann nur keine Bessere finden« oder »Der will ja nur das Eine«. Auf diese Weise verbaute sich Michaela jede Beziehung zu einem Mann und fühlte sich einsam.

Woher kommt eine geringe Selbstachtung?

In den ersten Lebensjahren sind wir emotional und körperlich von unseren Eltern abhängig. Wir können noch nicht für uns selbst sorgen und brauchen unsere Eltern und Erzieher, um überleben zu können.

Deshalb dürfen wir es auch nicht mit ihnen verscherzen. Wir müssen uns an deren Spielregeln halten und diese befolgen.

Unsere Anpassung und Unterordnung ist im wahrsten Sinne überlebensnotwendig.

In diesem Stadium unserer Entwicklung lernen wir, die Kritik unserer Eltern und Erzieher bezüglich unserer Fehler und Schwächen zu übernehmen und uns selbst für unsere Fehler und Schwächen, unsere vermeintliche Unvollkommenheit, zu verurteilen.

Erst haben uns die Eltern gesagt, was wir nicht tun sollten und was schlecht ist, später verinnerlichen wir die Worte und sagen uns selbst: Das tut man nicht. Das ist schlecht. Du solltest das nicht tun. Du solltest ... sein.

Kommen Ihnen folgende Äußerungen bekannt vor?

Was hast du dir nur dabei gedacht? Aus dir wird nie etwas werden. Mit dir hat man nichts als Ärger. Dummkopf. Mit dir muss man sich schämen. Du bist ein Tollpatsch. Du bist ein Versager. Du bist wohl nicht ganz bei Verstand. Du bist stinkfaul. Wie kann man nur ...? Kannst du auch mal zur Abwechslung was richtig machen? Du machst mich verrückt. Wie kann man nur so blöd sein? Was soll nur aus dir werden? Du bist undankbar. Du bringst mich noch ins Grab. Ja, spinnst du jetzt? Ich fass es nicht. Du bist wohl nicht ganz bei Verstand. Du bist ein böses Kind.

Je öfter wir solche Worte hörten, umso mehr hatten wir den Eindruck, etwas müsse mit uns nicht stimmen.

Wir dachten: Wenn wir in Ordnung wären, dann würde man doch nicht so mit uns reden und uns so behandeln. Also muss mit uns etwas nicht stimmen, wenn man permanent so über uns und mit uns spricht.

Wir verinnerlichen diese Ablehnung und Abwertung so sehr, dass wir als Erwachsene unsere Unvollkommenheit nicht in Frage stellen.

Unsere selbstabwertenden Gedanken fühlen sich ebenso richtig und zu uns gehörig an wie unsere Arme und Beine.

Wir kommen deshalb gar nicht auf die Idee, dass unsere Selbstablehnung ungerechtfertigt sein könnte. Und wir übersehen, dass die Einhaltung vieler Gebote und Verbote unserer Eltern für uns als Erwachsene nicht mehr sinnvoll und nützlich ist.

Und schon gar nicht macht es Sinn, dass wir uns für die Verletzung von Verboten, die für uns keine Richtigkeit haben, in Form von Selbstablehnung oder gar Selbsthass bestrafen.

Noch sehr viel wichtiger ist jedoch etwas anderes: Als Kinder waren wir nicht unvollkommen, hatten wir keine Fehler und Schwächen - außer klein und unerfahren zu sein.

Unsere »Fehler« und »Schwächen« bestanden darin, dass wir die Spielregeln der Erwachsenen nicht kannten und/oder nicht so waren, wie unsere Eltern und Erzieher uns haben wollten.

Durch die Androhung von Liebesentzug oder tatsächlichem Liebesentzug folgerten wir, wir seien unvollkommen und nicht gut genug, um geliebt zu werden.

Wir behandeln uns so, wie uns unsere Eltern behandelt haben.

Und noch etwas lernen wir. Wir lernen: Ohne Strafe keine Veränderung. Wir denken: Wenn ich mich selbst nicht für meine Fehler, Schwächen und Unvollkommenheit verurteile und bestrafe, dann werde ich diesen Fehler immer wieder machen, und vielleicht wird dann alles noch schlimmer.

Die Vorstellung, sich trotz eigener Fehler und Schwächen gut zu fühlen, ist für uns unvorstellbar. Nur durch Sebstbestrafung, so denken wir, werden wir zu guten Menschen.

Wir tun, sagen oder denken etwas Schlechtes, fühlen uns schuldig und bestrafen uns für unsere Unvollkommenheit, um sicherzugehen, dass wir nicht noch einmal so denken, fühlen und handeln.

Wenn wir so mit uns umgehen, dann tun wir das Gleiche, was auch unsere Eltern taten.

Viele Menschen kommen sich ihr ganzes Leben lang unvollkommen und als Versager vor, haben das Gefühl, mit ihnen stimme etwas nicht.

Entweder resignieren sie und fühlen sich deprimiert, oder aber sie versuchen Tag für Tag zu der Person zu werden, die sie glauben, sein zu müssen, um sich endlich akzeptieren zu können und um endlich von anderen akzeptiert zu werden.

Und viele Menschen wissen noch nicht einmal genau, was mit ihnen nicht stimmt. Sie haben einfach nur permanent das dumpfe Gefühl, minderwertig und nutzlos zu sein, und hassen sich dafür.

Die Auswirkungen einer geringen Selbstachtung

Die Auswirkungen einer geringen Selbstachtung sind so vielfältig, dass diese ein ganzes Buch füllen könnten. Deshalb hier nur die häufigsten:

Angst- und Panikgefühle

Menschen, die sich ablehnen, können vielfältige Ängste verspüren.

Die häufigsten sind: Angst vor Ablehnung; Angst vor Kritik; Angst vor Nähe; Angst zu versagen; Angst, Fehler zu machen; Angst vor Misserfolg; Angst vor Erfolg; soziale Ängste; Angst, (falsche) Entscheidungen zu treffen; Angst, sich lächerlich zu machen; Angst, seine Gefühle zu zeigen; Angst, nicht gut genug zu sein; Angst vor Neuem; Verlustangst.

Depressionen, Hilflosigkeit, Scham- und Schuldgefühle, Ärger über sich und andere

Selbstablehnung führt zwangsläufig zu Depressionen. Wenn man sich für Fehler verurteilt und denkt, man sei wertlos, und sieht keine Chance, sich zu ändern, dann fühlt man sich hilflos, dann bemitleidet man sich, dann macht man sich Schuldgefühle und Vorwürfe, dass man so wenig aus sich macht, dann ärgert man sich über sich selbst, dass man so schwach ist.

Die Folge: Depressionen.

Und je deprimierter man ist, umso weniger man auf die Reihe kriegt, umso wertloser fühlt man sich, umso mehr geht die Selbstachtung in den Keller und umso schwerer wird die Depression.

Überempfindlichkeit, sich verletzt, angegriffen und gekränkt fühlen

Menschen, die schlecht von sich denken, fassen vieles, was andere tun oder sagen, als Ablehnung und Kritik auf, weil sie ihren Mitmenschen unterstellen, dass diese auch negativ über sie denken. »Wieso«, so denkt man, »sollen andere das Nicht-Liebenswerte und das Nicht-Perfekte lieben?«

Das hat zur Folge, dass Menschen, die sich ablehnen, sich ständig bedroht, in Gefahr, angegriffen und verletzt fühlen.

Dadurch, dass sie sich schnell persönlich angegriffen und verletzt fühlen, sind sie schnell beleidigt und gekränkt. Ihr Nervenkostüm ist sehr labil.

Mangelndes Selbstbewusstsein, Schüchternheit

Menschen mit geringer Selbstachtung haben Angst, andere könnten sie ablehnen, wenn sie selbstbewusst auftreten, Nein sagen oder ausdrücken, was sie möchten.

Deshalb sind sie eher schüchtern und halten sich im Hintergrund. Sie schlucken ihren Ärger über sich und andere hinunter, bis sich so viel Ärger in ihnen angestaut hat, dass sie vor Wut platzen und sie aggressiv, sarkastisch oder gewalttätig reagieren, was sie dann natürlich wieder an sich verurteilen und was in ihnen noch mehr das Gefühl erzeugt, nicht in Ordnung zu sein.

Manche Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl reagieren passiv-aggressiv, d.h. drücken ihren Ärger nicht direkt aus, sondern eher indirekt.

Sie reden schlecht über andere, sie manipulieren andere, machen anderen Schuldgefühle.

Es gibt aber auch Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl, die arrogant, betont selbstsicher, ja geradezu aggressiv auftreten und so den Eindruck erwecken, eine starke Persönlichkeit zu sein.

Eifersucht, Verlustangst, Klammern

Eifersucht ist immer die Folge einer geringen Selbstachtung. Wenn man denkt, nicht gut genug und nicht attraktiv genug zu sein, dann ist es verständlich, wenn man Angst hat, der Partner könne jemand anderen attraktiver finden und einen verlassen.

Es sind die Zweifel an der eigenen Attraktivität, die einen ständig daran zweifeln lassen, für den Partner anziehend zu sein.

Die Angst, nicht mehr attraktiv zu sein, führt zu Verlustangst und all den Begleiterscheinungen der Eifersucht.

Perfektionsstreben, krankhaftes Streben nach Erfolg

Manche Menschen mit einer geringen Selbstachtung wollen sich und anderen stets beweisen, dass sie nicht minderwertig sind, indem sie sich bemühen, alles perfekt zu machen und Fehler zu vermeiden.

Sie wollen Erfolg um jeden Preis, sind aber nie oder nur kurz mit dem Erreichten zufrieden. Der Gedanke, noch nicht genügend geleistet zu haben, kehrt schnell zurück.

Ihr Hunger nach Bestätigung wird durch keinen noch so großen Erfolg gestillt.

Immer Recht haben wollen, alles besser wissen, auf andere herabschauen, andere geringschätzig behandeln, arrogant sein

Diese Verhaltensweisen dienen dem Selbstschutz. Indem man sich selbst erhöht und sich für klüger und besser hält als die anderen, hat man das Gefühl, diesen überlegen zu sein.

Dieses Verhalten soll verhindern, dass man allzu häufig und zu stark mit seinen Minderwertigkeitsgefühlen in Berührung kommt.

Stress - berufliche Probleme

Wenn man ständig Angst hat, einen Fehler zu machen oder abgelehnt zu werden, dann steht man ständig unter Strom, ist angespannt und nervös.

Der Körper ist dann in einem permanenten Alarm- und Stresszustand und reagiert mit den bekannten Stresssymptomen wie z.B. hohem Blutdruck, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Magen- und Darmbeschwerden oder Schlafstörungen.

Menschen, die ihre geringe Selbstachtung durch besondere und herausragende Leistungen und Erfolge kompensieren wollen, fühlen sich ständig getrieben und rastlos, achten meist wenig auf ihre Gesundheit, überfordern sich leicht und erkranken deshalb nicht selten an einem Burnout.

Menschen mit einer geringen Selbstachtung bringen es im Leben entweder sehr weit oder sie bleiben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Aufgrund der Angst, zu versagen, oder der Angst, nicht zu genügen, nehmen sie keine Herausforderungen an und engagieren sich kaum.

Wieder andere versuchen verbissen, sich und anderen durch ihre Erfolge und Leistungen zu beweisen, dass sie wer sind und es zu etwas bringen können. Sie sind besonders gefährdet, ein Workaholic zu werden.

Partnerschaftsprobleme, Beziehungsprobleme

Wenn wir Beziehungsprobleme haben, sei es mit Freunden oder dem Partner, dann ist die Hauptursache dafür meist ein geringes Selbstwertgefühl.

Wir fühlen uns nämlich nur in dem Maße von anderen akzeptiert und geliebt, wie wir uns selbst annehmen und lieben.

Und dies führt dann zu Vorwürfen, Streitereien und Partnerschaftsproblemen.

Hinzukommt: Wenn wir gering von uns denken, dann versuchen wir vielleicht sehr stark, dem anderen zu gefallen, und tun Vieles nur, um ihn nicht zu verlieren und von ihm geliebt zu werden.

Honoriert der andere unsere Bemühungen nicht (ausreichend), dann fühlen wir uns ausgenutzt, ärgern uns über unsere Blödheit, dass wir dem anderen so viel geben, ärgern uns über den Partner, dass er unseren Einsatz so wenig honoriert und wir von ihm so wenig zurückbekommen.

Menschen mit einer geringen Selbstachtung neigen dazu, sich emotional und körperlich missbrauchen zu lassen. Wenn man sich für wertlos und minderwertig hält, dann denkt man, man habe es verdient, schlecht behandelt zu werden.

Meinen Sie nicht auch, dass es sich angesichts dieser vielen schädlichen Auswirkungen einer geringen Selbstachtung lohnt, sich selbst mehr annehmen zu lernen?

Wenn ja, finden Sie im Folgenden einige Strategien, die Ihnen helfen können, Ihre Selbstachtung und Ihr Selbstvertrauen zu stärken.

>>> weiterlesen im Ratgeber Gefühle verstehen, Probleme bewältigen

Weitere Leseproben:

Einleitung

Kapitel 1
Selbstgespräche - der Schlüssel zu Ihren Gefühlen

Gefühle Kapitel 9
Liebe und Partnerschaft

Kapitel 10
Gelassen bleiben oder sich ärgern?

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Leserstimme Luciana schreibt am 8.11.2015

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Born

Dr. med. Kai Born
Facharzt für Psychosomatische Medizin, Wiesbaden

Ich empfehle die Ratgeber aus dem PAL Verlag, weil sie lebenspraktisch und inhaltlich auf den Punkt gebracht sind.

Sprechblase Lesermeinung Leserstimme

Einfach genial ...,
"Mach mehr aus deinem Leben ..." mit dieser Einstellung habe ich mir dieses Buch gekauft und ich kann nur sagen, es ist super-mega-oberklasse!

Seit ich es das erste mal in die Hand genommen habe, lege ich es nicht mehr weg. Sofort habe ich mir auch all die anderen Bücher des Autors R. Merkle gekauft. Auch diese sind weltklasse.

Ich bin einfach nur begeistert und kann allen raten, in diese Bücher reinzuschnuppern, auch wenn man der Meinung ist, recht gut im Leben zurecht zu kommen (dies war auch meine Einstellung).

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