Psychologische Hilfe für betreuende Angehörige

Pflege eines Angehörigen

Die Pflege eines Angehörigen kann für den Pflegenden eine große körperliche und seelische Belastung sein. Hinzu kommen Veränderungen im Tagesablauf, soziale Einschränkungen bis hin zur Aufgabe persönlicher Lebensziele.

Deshalb ist es wichtig, dass Pflegende gut für sich selbst sorgen, auf ihre psychische & körperliche Gesundheit achten und sich persönliche Freiräume bewahren. Bild © Ocskay Bence - Fotolia

© Autorin: Dr. Doris Wolf Psychotherapeutin

Schauen wir uns die Ratgeber-Literatur und Seiten im Internet an, dann müssen wir feststellen, dass die Angehörigen von Menschen mit psychischen und/oder körperlichen Problemen nur wenig berücksichtigt werden.

Fast jeder, der seelische Probleme hat, kommt mit anderen Menschen in Kontakt - sei es mit seinem Partner, den Kindern, den Eltern, seinen Arbeitskollegen oder Freunden. Tritt ein seelisches Problem nur kurze Zeit und vorübergehend auf, dann kann das Umfeld sich noch relativ leicht damit arrangieren.

Bei chronischen oder wiederkehrenden Erkrankungen ist die seelische Belastung häuslich pflegender Angehöriger sehr groß.

Jede seelische Störung (z.B. Essstörung, Angsterkrankung, Depression, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, Alzheimer-Erkrankung, Trauer, Psychose, Zwangserkrankung) stellt die Angehörigen auch vor ganz spezielle Probleme.

Auch chronische körperliche Erkrankungen wie beispielsweise Diabetes können eine Herausforderung sowohl für den Betroffenen als auch für die Angehörigen darstellen.

Ich möchte hier nicht auf den Umgang mit jeder einzelnen Erkrankung sondern auf eher allgemeine Probleme eingehen, die Sie als Angehöriger in der Pflege eines psychisch oder körperlich kranken Familienmitglieds haben können.

Ratgeber Gefühle verstehen

Mit welchen Reaktionen müssen Sie als Angehöriger rechnen?

Ebenso wie der Betroffene erleben Sie als Angehöriger ganz unterschiedliche Gefühlsreaktionen im Verlauf der Erkrankung.

Außerdem gibt es Schwankungen von Tag zu Tag, abhängig von Ihrer körperlichen und seelischen Verfassung.

Verleugnung und Nicht-Wahr-Haben-Wollen

Es mag für Sie zu schmerzhaft sein, zu erkennen, dass Ihr Angehöriger erkrankt ist.

Um diesen Schmerz zu vermeiden, reden Sie sich z.B. ein, dass sich alle täuschen, eine falsche Diagnose gestellt wurde, Ihr Partner nicht krank ist oder dass es nicht so schlimm ist.

Betroffenheit, Trauer und Mitleid

Sie sind traurig darüber, dass Ihr Angehöriger erkrankt ist, so leidet und solche Schwierigkeiten im Alltag hat.

Sie trauern auch darum, dass er vieles nicht mehr mit Ihnen unternehmen kann und sich Ihr Alltag vollkommen verändert.

Vielleicht geht Ihr Angehöriger nicht mehr aus dem Haus, liegt nur noch im Bett oder verliert seine Anstellung.

Vielleicht kreisen die Themen nur noch um seine Erkrankung, es gibt kein Lachen und keine Unbeschwertheit mehr.

Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeitsgefühle

Sie versuchen mit all Ihren Kräften Ihrem Angehörigen zu helfen. Möglicherweise nimmt Ihr Angehöriger nichts an und verändert sich nicht. Oder aber die Ärzte sagen, es sei aussichtslos, und Sie verlieren die Hoffnung auf eine Verbesserung.

Verunsicherung und Angst

Sie haben Angst, was Sie und Ihren Angehörigen an negativen Veränderungen erwartet. Sie machen sich Sorgen um die Zukunft.

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Enttäuschung und Wut

Wenn Ihr Angehöriger Ihre Ratschläge und Hilfe nicht annimmt, werden Sie ungeduldig. Vielleicht haben Sie den Eindruck, er wolle gar nicht gesund werden oder er bemühe sich nicht genügend.

Vielleicht haben Sie den Eindruck, er verheimliche Ihnen etwas.

Vielleicht haben Sie den Eindruck, ihm fehle die Krankheitseinsicht. Vielleicht sind Sie es müde, mit anzuschauen, wie er sich zugrunde richtet, nur noch weint oder immer nur über seine Krankheit spricht.

Vielleicht hat sich Ihr Angehöriger stark verändert, ist oft gereizt und aggressiv und Sie sehen sich als Blitzableiter.

Seelische Erschöpfung und Kraftlosigkeit

Vor lauter Bemühen um eine Veränderung des Angehörigen und die Sorge um ihn, vernachlässigen Sie Ihre Bedürfnisse und Ihr seelisches Wohlbefinden.

Sie fühlen sich ausgelaugt und auch in Ihren Bemühungen nicht genügend anerkannt.

Körperliche Erschöpfung und körperliche Beschwerden

Ihr Körper reagiert mit Schlaflosigkeit, Anspannung, Rücken-, Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Herzstechen, Appetitlosigkeit oder Heißhunger usw. Sie sind unkonzentriert und Ihre Leistungsfähigkeit lässt nach.

Schuldgefühle

Vielleicht werfen Sie sich vor, an der Erkrankung schuld oder mit schuld zu sein. Vielleicht machen Sie sich auch Schuldgefühle, weil Sie sich beschuldigen, zu wenig für den Angehörigen zu tun, zu wenig Verständnis für ihn aufzubringen, zu selten da zu sein, zu ungeduldig zu sein.

Oder aber Sie werfen sich vor, dass es Ihnen gut geht, wo es ihm so schlecht geht.

Was können Sie für sich tun?

Akzeptieren Sie Ihre Gefühle für den Augenblick.

Sie sind kein Übermensch und kein Therapeut. Es ist normal, dass Sie Ihrem Angehörigen gegenüber nicht immer hilfreich und angemessen reagieren.

Sie haben ebenso wie er gute und schlechte Tage. Statt sich mit Schuldgefühlen zu quälen, suchen Sie nach den Ursachen und wie Sie diese in der Zukunft beheben können.

Informieren Sie sich über die Erkrankung.

Nutzen Sie Berichte von Betroffenen und die Ratgeber-Literatur für Betroffene. Je mehr Sie über die Erkrankung, deren Ursache und die ärztliche Diagnose wissen, umso besser können Sie damit umgehen.

Raten Sie Ihrem Angehörigen zu einem Besuch beim Facharzt oder Psychotherapeuten. Dort können Sie besprechen, wie Sie sich am besten dem Angehörigen gegenüber verhalten sollen.

Nehmen Sie sich eine Auszeit.

Wenn Sie sich Tag und Nacht nur mit dem Betroffenen umgeben, raubt dies Ihre Kräfte. Suchen Sie deshalb aktiv den Kontakt zu Menschen, mit denen Sie unbeschwert lachen können und sich nicht immer überlegen müssen, wie Sie sich am besten verhalten sollen.

Sorgen Sie für ausreichend Bewegung, um die Anspannung abzubauen. Erlernen Sie ein Entspannungsverfahren. Planen Sie sich Zeit für Ihr Hobby und Ihre Freunde ein.

Das ist nicht egoistisch, sondern absolut notwendig, um Ihre Kräfte zu erhalten. Sie brauchen das Gefühl, nicht nur zu geben, sondern auch etwas zu bekommen.

Delegieren Sie die Aufgaben.

Selbst wenn Ihr Angehöriger nicht allein sein kann, haben Sie das Recht, sich Freiräume zu schaffen. Suchen Sie nach Menschen, die Sie entlasten können.

Wenn Ihr Angehöriger nicht in Lebensgefahr ist und noch klar denken kann, können Sie ihn sicher auch stundenweise alleine lassen.

Nehmen Sie Kontakt zu einer Angehörigen-Selbsthilfegruppe auf.

Zu wissen, dass es anderen Angehörigen ähnlich geht, entlastet. Außerdem können Sie in einer Gruppe viele hilfreiche praktische Tipps bekommen.

Auch in einem Forum können Sie sich mit anderen Angehörigen und Patienten austauschen und so nützliche Hilfestellungen und seelisch-moralische Unterstützung erhalten.

Geben Sie die Verantwortung ab.

Erinnern Sie sich daran, dass nur Ihr Angehöriger selbst seine seelischen Probleme lösen kann. Sie können ihn lediglich unterstützen. Sie können ihn ermutigen und mit ihm konkrete Schritte besprechen. Er muss diese Hilfestellungen jedoch annehmen und umsetzen.

Holen Sie sich therapeutische Unterstützung.

Wenn Sie bemerken, dass Sie sich überfordert fühlen, erschöpft und depressiv werden, körperliche Beschwerden entwickeln oder in eine Sucht abgleiten, dann nehmen Sie Kontakt zu einem Psychotherapeuten oder einer Selbsthilfegruppe für Angehörige auf.

In einer Therapie können Sie lernen, besser mit der emotionalen Belastung umzugehen.

Literatur für pflegende Angehörige

Epstein Rosen, Laura / Francisco Amador, Xavier (2002)
Wenn der Mensch, den du liebst, depressiv ist. Wie man Angehörigen oder Freunden hilft. - Rowohlt Taschenbuch Verlag

Karin Schels, Denk auch an dich - Wie pflegende Angehörige den Alltag gelassen meistern - E. Reinhardt Verlag

Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker (Hg.) (2001)
Mit psychisch Kranken leben. Rat und Hilfe für Angehörige - Psychiatrie Verlag, Bonn

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Dr. Doris Wolf
Doris Wolf (Autorin)

Danke, dass Sie mir Ihre Zeit geschenkt haben. Schon immer hatte ich ein offenes Ohr für die Sorgen anderer. Deshalb war es mein Herzenswunsch, als Psychotherapeutin zu arbeiten. Einen Ausgleich zu meiner beruflichen Tätigkeit finde ich im Nordic Walking, dem Jin Shin Jyutsu und der Kuchenbäckerei.

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  1. Leserkommentar Petra blincken schreibt am 22.08.2016, 01.50 Uhr

    Mein Mann ist jetzt gerade gestürzt hat sofort einen großen Bluterguss auf dem Rücken das passiert wenn er nachts aufsteht ich schlafe nur noch ganz leicht werde von jedem Geräusch wach. Er ist Diabetiker und hatte vor zwei Jahren einen Schlaganfall. Jetzt hat er Durchblutungsstörungen im Stammhirn. Schwindel und Polyneuropathie. Ich brauche wirklich hilfe bin selber depressiv und seit 6 Wochen krankgeschrieben und warte auf einen Kurplatz.

  2. Leserkommentar Sandra schreibt am 29.05.2016, 19.10 Uhr

    Hallo.. Ich bin 37 Jahre und mein Vater ist seit ca.25 Jahren schwer depressiv.. Schizophrenie kam im Laufe der Jahre dazu...demenz ist im Anfangsstadion...Er war in jeglicher Behandlung, aber niemand kann uns helfen... Mein größtes Problem ist jetzt meine Mutter, da sie Seit ca 4 Jahren absolut am Ende ist.. Sich durch die komplette Situation von jedem Menschen entfernt hat. Kaum noch redet und absolut überfordert ist..Nun hab ich nicht nur keinen normalen Vater.. Sondern auch keine Mutter mehr..Mit der man normale Dinge machen kann...Ich möchte ihr so gern helfen. Bin bereit alles zu tun...Das Problem ist...Sie lässt absolut keine Veränderungen mehr zu...Da sie keinerlei Hoffnungen mehr hat...Es ist ein ewiger Kreislauf und macht uns alle kaputt.. Wir brauchen dringend Hilfe oder Ratschläge... Was können ich tun...Wenn beide so gut wie nichts zulassen

  3. Leserkommentar angela jankowski schreibt am 25.04.2016, 23.01 Uhr

    Sie haben mir aus der Seele gesprochen. Kenne mich nicht so gut mit Internet aus. Kann nicht alles so darstellen. Dann bitte anrufen 03322288651

  4. Leserkommentar hanna schreibt am 06.04.2016, 19.21 Uhr

    Mit 30j, hatte meine Schwester Brustkrebs diagnose, ich 25j. habe mich um sie gekümmert...inzwischen Krebs besiegt. 9 Jahre später suchte sie immer Ärzte auf...weil sie Darm Beschwerden hatte und ix andere Beschwerden kamen zu...sicher 1-2 Jahre weiss es gar nicht mehr genau nur Ärzte aufgesucht eines nach dem anderen. Dann 3 Selbstmordversuche nun seit mehreren Klinikbesuchen jetzt wieder zu Hause. Wir wohnen im selben Haus. Ich ging sie immer in Klinik besuchen hatte immer versucht Zugang zu ihr zu schaffen aber jetzt kann ich nicht mehr..und mich plagen Schuldgefühle. Meine Mutter ist jetzt auch noch erkrankt und jetzt sorge ich mich um sie und habe keine Energie für sie und trotzdem plagen mich die Schuldgefühle obwohl ich weiss das ich ihr nicht helfen kann. Dann Schwiegermutter an Alzheimer erkrankt und wohnt auch im selben Haus und der Schwiegervater pflegt sie zu Hause 1halb Tage in Tagesheim. Es sind viele Dinge mit einander. Ich habe Familie und weiss ich muss mich auf mich und meine Familie kümmern was ich auch tue aber die Schuldgefühle habe ich trotzdem und die möchte ich los werden.

  5. Leserkommentar Klaus Mauritz schreibt am 23.10.2015, 06.39 Uhr

    Ich bin momentan in der Lage, dass sich meine Ehefrau stationär für längere Zeit in einer Klinik wegen Zwangserkrankung befindet. Ich sehe, wie sie leidet und stehe machtlos daneben. Ich weis auch, dass das Problem nur durch sie selbst gelöst werden kann, überlege aber ständig, wie ich Ihr noch helfen kann. Leider sind im Internet nur sehr wenige Informationen für Angehörige für diese Situation zu finden. Man bleibt eigentlich mit seinen Sorgen und Ängsten völlig alleine. Wenn hier zufällig ein erfahrener Psychotherapeut reinschaut, hätte ich eine große bitte. Nehmen Sie sich mal Zeit und beschreiben Sie, wie genau sich ein Zwangserkrankter fühlt, was dieser bei einer stationären oder ambulanten Therapie genau machen muss usw. und vor allem, was kann und soll bzw. was darf ein Angehöriger nicht machen. Als psychologischer Laie weis man in der Regel hierzu absolut nichts und verhält sich dadurch natürlich falsch. Schade, das bisher hierzu so wenig geschrieben wurde. Ich gehe davon aus, dass psychosomatische Kliniken keine Interesse an der Einbindung von Angehörigen haben, da das Zeit und Geld kostet. Deshalb bleibt man als Angehöriger aussen vor.

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Leserstimme Luciana schreibt am 8.11.2015

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Dr. med. Kai Born
Facharzt für Psychosomatische Medizin, Wiesbaden

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